Polen will Chancen in Europas Halbleiterindustrie nutzen
Der polnische Halbleitermarkt könnte von 5,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 23,7 Milliarden US-Dollar bis 2035 wachsen. Ein Bericht der staatlichen polnischen Entwicklungsbank Bank Gospodarstwa Krajowego (BGK) sieht Chancen für die heimische Industrie dabei weniger im Bau eigener Chipfabriken als vielmehr in der Entwicklung integrierter Schaltungen, der Leistungselektronik, Photonik sowie Technologien für die Montage und Prüfung von Halbleitern. Die Perspektiven dieser für die europäische Industrie zunehmend wichtigen Branche werden auch auf der Evertiq Expo in Warschau diskutiert, die am 22. Oktober im Stadion PGE Narodowy stattfindet.
Ende September veröffentlichte die Bank Gospodarstwa Krajowego den Bericht „Key Technologies: Semiconductors as a Strategic Asset for Poland“. Darin untersucht die staatliche Entwicklungsbank den aktuellen Stand des polnischen Halbleitermarktes und zeigt dessen Entwicklungsperspektiven auf. Ein genauerer Blick auf die Ergebnisse lohnt sich.
Die wichtigste Schlussfolgerung vorweg: Polen hat die Möglichkeit, den Wert seines heimischen Halbleitermarktes erheblich zu steigern und seine Position auf dem globalen Halbleitermarkt zu stärken.
Zunächst eine grundlegende Feststellung: Halbleiter sind für die wirtschaftliche und technologische Sicherheit unverzichtbar. Sie werden für die Herstellung von Elektronik, Elektrofahrzeugen, Telekommunikationsgeräten, Energiesystemen und Infrastrukturen für künstliche Intelligenz benötigt. Der Zugang zu diesen Komponenten beeinflusst zudem die Entwicklungsmöglichkeiten der Verteidigungsindustrie.
Laut dem BGK-Bericht „Key Technologies: Semiconductors as a Strategic Asset for Poland“ hat der weltweite Halbleitermarkt einen Wert von nahezu 800 Milliarden US-Dollar.
Polen gehört derzeit nicht zu den weltweit führenden Halbleiterproduzenten und befindet sich in seiner Entwicklung noch in einer vergleichsweise frühen Phase. Prognosen deuten jedoch auf ein erhebliches Wachstumspotenzial des heimischen Marktes hin.
Für 2025 wurde der Wert des polnischen Halbleitermarktes auf 5,1 Milliarden US-Dollar geschätzt. Einer von BGK angeführten Prognose zufolge könnte dieser bis 2035 auf 23,7 Milliarden US-Dollar steigen. Dies entspräche einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 16,7 Prozent im Zeitraum von 2026 bis 2035.
Der Bericht zieht daraus eine wichtige Schlussfolgerung: Die steigende Nachfrage nach Chips bedeutet nicht zwangsläufig, dass Polen das Entwicklungsmodell der weltweit größten Halbleiterhersteller übernehmen sollte.
Der Bau von Fabriken zur Herstellung modernster Chips erfordert enorme finanzielle Investitionen, den Zugang zu spezialisierter Infrastruktur und jahrelange technologische Erfahrung.
Die Autoren des Berichts verweisen deshalb auf andere Bereiche, in denen Polen eigene Kompetenzen entwickeln und seine Position innerhalb der europäischen Lieferkette stärken könnte.
Chipdesign als möglicher Wachstumstreiber
Ein potenzielles Wachstumsfeld ist die Entwicklung integrierter Schaltungen. Dieser Bereich ist in hohem Maße von technischem Fachwissen, Forschungs- und Entwicklungskapazitäten sowie geistigem Eigentum abhängig.
„Polen gehört zu den größten Elektronikherstellern in der EU, verfügt jedoch nicht über eine Massenproduktion von Halbleitern. Gleichzeitig stellt die Entwicklung integrierter Schaltungen dank der vorhandenen Forschungs- und Entwicklungszentren eine Stärke des polnischen Halbleitermarktes dar“, heißt es im BGK-Bericht.
Polen verfügt über spezialisierte Fachkräfteteams und Technologiezentren unter anderem in Danzig, Warschau, Krakau und Breslau.
Nach Einschätzung der BGK bilden diese Kompetenzen eine der Grundlagen, auf denen der heimische Halbleitersektor aufgebaut werden kann.
Ein weiteres Wachstumsfeld ist die Leistungselektronik, einschließlich Technologien auf Basis von Galliumnitrid (GaN).
Dieses Material ermöglicht die Entwicklung von Komponenten für energieeffiziente Stromversorgungen, Energieumwandlungssysteme, Telekommunikationsinfrastruktur und Rechenzentren. GaN-basierte Lösungen könnten zudem eine wichtige Rolle in der Elektromobilität und bei der Energiewende spielen.
Die Autoren des BGK-Berichts empfehlen allerdings, die Entwicklung der GaN-Technologie in Polen gezielt auf Anwendungen und Systeme auszurichten.
„Die Galliumnitrid-Technologie sollte in Polen ausschließlich im Zusammenhang mit Anwendungen und Systemen weiterentwickelt werden. Ihre Bedeutung ergibt sich aus ihrer hohen Energieeffizienz und ihren potenziellen Einsatzmöglichkeiten in der Leistungselektronik und in Stromversorgungssystemen. Investitionen in die Herstellung des GaN-Materials selbst entsprechen jedoch nicht der derzeitigen Marktgröße. Die Produktion von GaN-Material übersteigt aufgrund hoher Kosten, einer unzureichenden Marktgröße und des starken internationalen Wettbewerbs die Möglichkeiten der polnischen Wirtschaft. Dagegen bietet die Anwendungsebene der GaN-Technologie, einschließlich Leistungselektronik, Energieumwandlung und Stromversorgungssystemen, erhebliches Entwicklungspotenzial. Deshalb sollte sich die Förderung auf Projekte konzentrieren, die diesen Halbleiter einsetzen, etwa Netzteile, Wechselrichter und Hochspannungsenergiesysteme, anstatt auf die Herstellung des Materials selbst“, erklären die Autoren des BGK-Berichts.
Photonik, Halbleitermontage und Packaging bieten weitere Chancen
Der Bericht identifiziert außerdem die Photonik sowie die Montage, Prüfung und das Packaging von Halbleitern als vielversprechende Entwicklungsbereiche.
Durch den Aufbau entsprechender Kompetenzen könnte Polen an zusätzlichen Stufen der Wertschöpfungskette teilhaben, ohne direkt mit Taiwan oder Südkorea bei der Herstellung modernster Prozessoren konkurrieren zu müssen.
Der Erfolg dieser Strategie wird jedoch davon abhängen, ob es gelingt, Forschungsergebnisse aus dem Labor in kommerzielle Anwendungen zu überführen.
Die BGK betont zudem die Bedeutung von Förderinstrumenten für innovative Unternehmen und die Weiterentwicklung des Wagniskapitalmarktes.
Eine der im Bericht genannten Initiativen ist Innovate Poland, die Kapital für Investitionen in innovative Unternehmen mobilisieren soll.
Elektromobilität und Energiewende steigern Halbleiterbedarf
Die Wachstumsperspektiven des Halbleitersektors sind eng mit der Entwicklung anderer Märkte verbunden.
Der Ausbau der Elektromobilität, erneuerbarer Energien, künstlicher Intelligenz und Telekommunikation erhöht die Nachfrage nach elektronischen Systemen und Komponenten zur Steuerung von Energieflüssen.
Nach Schätzungen der BGK könnte die Zahl der Elektrofahrzeuge in Polen bis 2030 auf mehr als 700.000 steigen. Gleichzeitig könnte das Land über 100.000 öffentliche Ladepunkte verfügen.
Für den Ausbau dieser Infrastruktur werden unter anderem Leistungselektronik und Steuerungssysteme benötigt.
„Im Oktober 2025 gab es in Polen rund 118.000 Elektrofahrzeuge. Prognosen zufolge wird ihre Zahl bis 2030 um mehr als 580.000 steigen und damit die Marke von 700.000 zugelassenen Elektrofahrzeugen überschreiten. Dies entspricht einem potenziellen Wachstum von 593,2 Prozent innerhalb von fünf Jahren“, heißt es im BGK-Bericht.
Für polnische Unternehmen entstehen dadurch Möglichkeiten, Produkte zu entwickeln, die den Anforderungen der Industrie, des Energiesektors und des Verkehrs gerecht werden.
Um dieses Potenzial auszuschöpfen, benötigen die Unternehmen jedoch nicht nur qualifizierte Mitarbeiter, sondern auch Zugang zu Kapital und Produktionsinfrastruktur.
Der BGK-Bericht spricht sich deshalb für ein Entwicklungsmodell aus, das auf Spezialisierung statt auf direkten Wettbewerb mit den weltweit größten Halbleiterherstellern setzt.
Polen könnte seinen Anteil am europäischen Markt erhöhen, indem das Land seine Kompetenzen in Entwicklung und Forschung mit der Herstellung spezialisierter Komponenten und dem Aufbau eigener Technologien verbindet.
Halbleiterindustrie im Fokus der Evertiq Expo in Warschau
Die Zukunft der Elektronikindustrie, ihre Lieferketten und die Rolle der Komponentenhersteller gehören zu den Themen der Evertiq Expo in Warschau, die am 22. Oktober im Stadion PGE Narodowy stattfindet.
Den Abschluss der Veranstaltung bildet die Präsentation des TOP-10-Rankings durch Ewelina Bednarz, Content Manager bei Evertiq.
Das Ranking umfasst die 20 größten Unternehmen der Halbleiterbranche, die anhand ihrer Wachstumsraten bewertet werden.
Die Rangliste soll einen Einblick in die Branche ermöglichen, indem sie die Entwicklung einzelner Unternehmen und die Veränderungen auf dem globalen Markt betrachtet.
Vor dem Hintergrund der BGK-Prognosen und der wachsenden Bedeutung von Halbleitern für die europäische Industrie bietet sie zudem die Gelegenheit, jene Unternehmen näher zu betrachten, die ihre Aktivitäten in diesem strategisch wichtigen Sektor ausbauen.





