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PCB-EU-Haas
© Liviorki for Evertiq
Elektronikproduktion |

Warum Strategie zur entscheidenden Frage für die europäische EMS-Branche geworden ist

Manche Konferenzvorträge enden mit dem Applaus. Andere beginnen dort erst richtig. Sie setzen sich bei einer Tasse Kaffee fort, in Gesprächen zwischen den Messeständen und auf den Fotos, die Besucher machen, bevor die letzte Folie von der Leinwand verschwindet. Genau das war während der Evertiq Expo Berlin der Fall, wo ein Vortrag noch lange nach dem Verlassen des Konferenzsaals nachwirkte.

Die Besucher verglichen Zahlen, fotografierten Diagramme und diskutierten die Schlussfolgerungen bis weit in den Nachmittag hinein. Es lag nicht nur daran, dass die präsentierten Zahlen neu waren. Sie bestätigten vielmehr etwas, das viele im Saal bereits gespürt hatten: Die europäische Elektronikfertigung hatte ein neues Kapitel erreicht.

Rückblickend wirkte Berlin weniger wie das Ende der Frühjahrs-Expo-Saison als vielmehr wie der Punkt, an dem viele der zuvor geführten Gespräche schließlich zusammenliefen. Über fünf Evertiq Expos in fünf verschiedenen Ländern hinweg verlagerte sich der Fokus der Diskussionen allmählich weg vom reinen Wachstum hin zu Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und langfristiger Positionierung. Wie wir bereits in unserem Artikel „Fünf Städte, fünf Expos, eine Saison – und dann etwas Neues“ beschrieben haben, drehten sich die Gespräche der Branche zunehmend um eine einzige Frage: Wie sollten sich europäische Hersteller in einem Markt positionieren, der sich nicht mehr so verhält wie noch vor wenigen Jahren?

Der Vortrag in Berlin, gehalten von Dieter G. Weiss, Mareike Haass und Eric Miscoll im Namen von in4ma und EMSNOW, lieferte vielleicht die deutlichste Darstellung dieses sich wandelnden Marktumfelds. Doch die auf der Bühne gezeigten Zahlen waren lediglich der Anfang.

Im Vorfeld des International in4ma EMS & PCB Forum in Würzburg am 8. und 9. Juli sprachen wir mit Mareike Haass über die grundlegenden Fragen hinter diesen Diagrammen. Warum ist Strategie zu einem so dominierenden Thema in der EMS-Branche geworden? Welche Rolle wird Europa in einem zunehmend wettbewerbsintensiven globalen Markt spielen? Und warum suchen Unternehmen plötzlich nach besseren Marktdaten, anstatt einfach auf eine Erholung der Nachfrage zu warten?

Ihre Antworten deuten darauf hin, dass die Branche in eine neue Phase eintritt – eine Phase, in der Wettbewerbsvorteile immer weniger allein durch Fertigungskapazitäten bestimmt werden, sondern zunehmend durch die Entscheidungen, die Unternehmen lange vor Beginn der eigentlichen Produktion treffen.

Wenn Wachstum keine Strategie mehr ist

Über viele Jahre hinweg löste Wachstum zahlreiche strategische Herausforderungen der EMS-Branche. Die steigende Nachfrage schuf Raum für unterschiedliche Geschäftsmodelle, verschiedene Effizienzniveaus und unterschiedliche Ansätze in der Fertigung. Unternehmen konnten gemeinsam mit dem Markt wachsen – selbst dann, wenn sie völlig unterschiedliche Strategien verfolgten.

Dieses Umfeld, an das sich viele Unternehmen gewöhnt hatten, verschwindet jedoch langsam.

In ganz Europa haben sich die Gespräche, die früher vor allem von Expansion geprägt waren, hin zu Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und langfristiger Positionierung verlagert. Geopolitische Unsicherheiten, sich verändernde Lieferketten, neue technologische Anforderungen und der zunehmende globale Wettbewerb zwingen Unternehmen dazu, grundlegendere Fragen zu stellen – nicht mehr nur, wie sie wachsen können, sondern wie sie in einem Markt relevant bleiben, der sich nicht mehr so verhält wie noch vor wenigen Jahren.

Dieser Wandel im Denken spiegelt sich auch im diesjährigen Motto des International in4ma EMS & PCB Forum wider: „Choosing the right strategy that creates your future“.

Nach Ansicht von Mareike Haass bringt dieser Titel eine der größten Herausforderungen auf den Punkt, vor denen die Branche heute steht.

„In den vergangenen Jahren haben viele EMS-Unternehmen erkannt, dass Marktwachstum allein nicht mehr ausreicht, um ihre Zukunft zu sichern“, erklärt sie im Gespräch mit Evertiq. „Es gibt nicht länger eine einzige Strategie, die für alle funktioniert. Genau deshalb ist die Wahl der richtigen Strategie für das jeweilige Unternehmen heute zu einer der wichtigsten Managementaufgaben in der EMS-Branche geworden.“

Das eigentlich Interessante daran ist jedoch nicht nur, dass Strategie an Bedeutung gewonnen hat. Vielmehr ist Strategie selbst deutlich vielfältiger geworden.

Einige Unternehmen wachsen durch Übernahmen. Andere investieren in Spezialisierung, Digitalisierung oder neue geografische Märkte. Keiner dieser Ansätze wird als allgemeingültige Lösung präsentiert. Vielmehr spiegeln sie eine Branche wider, die nach unterschiedlichen Wegen sucht, dieselbe Herausforderung zu lösen: Wie lässt sich Resilienz in einem Markt aufbauen, in dem Gewissheit immer seltener geworden ist?

KI verändert nicht nur die Technologie

In diesem Frühjahr gab es kaum eine Konferenz, auf der Künstliche Intelligenz nicht früher oder später zum Thema wurde. Nach Ansicht von Haass verändert sich jedoch nicht die Technologie selbst, sondern die Art und Weise, wie über sie gesprochen wird.

Noch vor ein oder zwei Jahren konzentrierten sich die Diskussionen vor allem darauf, wie Hersteller KI zur Verbesserung von Produktion, Planung oder Entwicklung einsetzen könnten. Heute stellen Unternehmen zunehmend eine andere Frage: Was passiert mit der Elektronikindustrie, wenn der rasante Ausbau von KI-Rechenzentren und anderen rechenintensiven KI-Anwendungen eine enorme zusätzliche Nachfrage nach Hardware, Komponenten und Fertigungskapazitäten erzeugt?

Die beispiellosen Investitionen in KI-Infrastruktur treiben bereits heute die Nachfrage nach Halbleitern, Netzwerktechnik, Leiterplatten und Substraten an. Während immer mehr Fertigungskapazitäten zur Unterstützung dieses Wachstums eingesetzt werden, fragen sich viele Hersteller, ob die bekannten Engpässe in den Lieferketten zurückkehren könnten – wenn auch in einer anderen Form.

„Viele Unternehmen fragen sich, ob einige der Lieferkettenprobleme, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, in einer anderen Form wieder auftreten könnten“, sagt Haass. 

Warum Marktinformationen plötzlich wichtiger sind denn je

Eines der deutlichsten Anzeichen dafür, dass sich die Branche verändert, ist weder eine bahnbrechende Technologie noch ein revolutionärer Fertigungsprozess. Es ist die wachsende Nachfrage nach besseren Marktinformationen.

Während Unternehmen ihre Produktionsstandorte neu bewerten, Übernahmemöglichkeiten prüfen und langfristige Investitionsstrategien überdenken, ist das Verständnis der Struktur des globalen EMS-Marktes selbst zu einem Wettbewerbsvorteil geworden. Fragen, die früher als zweitrangig galten – wer Marktanteile gewinnt, wo Produktionskapazitäten ausgebaut werden oder welche Regionen Investitionen anziehen – finden heute ihren Weg in die Vorstandsetagen.

Nach Ansicht von Haass war dies eine der größten Überraschungen bei den Vorbereitungen für das diesjährige in4ma Forum.

„Viele Unternehmen überprüfen derzeit ihre strategische Positionierung, mögliche Übernahmen, ihre Produktionsstandorte und künftige Wachstumsfelder. Gleichzeitig entwickelt sich die globale EMS-Landschaft weiterhin rasant. Deshalb wird es immer wichtiger zu verstehen, wer die wichtigsten Marktteilnehmer sind, wo Wachstum stattfindet und wie sich Marktanteile verschieben.“

Diese wachsende Nachfrage nach Transparenz erklärt auch, warum in4ma in diesem Jahr erstmals das Ranking EMS & ODM Global 100 veröffentlicht hat.

„Vor zwölf Monaten stand dieses Thema noch gar nicht auf unserer Agenda. Heute sehen wir ein enormes Interesse daran, globale Marktstrukturen und Entwicklungen besser zu verstehen, um fundiertere strategische Entscheidungen treffen zu können.“

Das Ranking selbst ist selbstverständlich von Bedeutung – daran besteht kein Zweifel. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, die seine Einführung überhaupt notwendig gemacht hat. Unternehmen suchen Daten nicht mehr nur, um zu verstehen, was bereits passiert ist. Sie benötigen sie zunehmend, um zu entscheiden, was als Nächstes passieren sollte.

Kapazitäten bleiben wichtig – reichen aber nicht mehr aus

Über weite Teile der Entwicklung der EMS-Branche hinweg galten Fertigungskapazitäten als einer der eindeutigsten Indikatoren für Wettbewerbsstärke. Die Fähigkeit, effizient zu produzieren, zuverlässig zu liefern und gemeinsam mit der Nachfrage der Kunden zu wachsen, bildete die Grundlage für langfristigen Erfolg.

Diese Grundlage ist nicht verschwunden.

Im Gegenteil: Moderne Fertigungskapazitäten bleiben eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Nach Ansicht von Haass reichen sie allein jedoch nicht mehr aus, um Unternehmen voneinander zu unterscheiden.

„Ausreichende und moderne Fertigungskapazitäten bleiben eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg in der EMS-Branche. Gleichzeitig beobachten wir zunehmend, dass Kapazitäten allein nur selten ein nachhaltiges Alleinstellungsmerkmal darstellen.“

Stattdessen erweitert sich die Definition von Wertschöpfung zunehmend.

Kunden erwarten heute immer häufiger, dass ihre Fertigungspartner weit mehr leisten als reine Produktion. Engineering-Kompetenz, Know-how im Lieferkettenmanagement, technologisches Fachwissen und ein tiefes Verständnis spezifischer Branchen sind zu festen Bestandteilen der Zusammenarbeit geworden. Gleichzeitig investieren Unternehmen weiterhin in Digitalisierung, vertikale Integration und eine stärkere regionale Präsenz, da Nähe zum Kunden und Flexibilität zunehmend zu eigenständigen strategischen Vorteilen werden.

Dies erklärt auch, warum sich so viele Diskussionen in der Branche um Übernahmen, Spezialisierung und neue Geschäftsmodelle drehen. Dabei handelt es sich nicht um voneinander getrennte Trends, die um Aufmerksamkeit konkurrieren. Vielmehr sind sie unterschiedliche Antworten auf dieselbe strategische Frage: Wie kann ein EMS-Unternehmen einen Mehrwert schaffen, der über reine Fertigungskapazitäten hinausgeht?

„Besonders erfolgreich sind heute die Unternehmen, denen es gelingt, beide Elemente miteinander zu verbinden. Sie verfügen über die notwendigen Fertigungskapazitäten und gleichzeitig über eine klare strategische Positionierung im Markt.“

Die Fertigung bleibt das Fundament – doch die Strategie bestimmt zunehmend, was Unternehmen darauf aufbauen können.

Die Entscheidungen, die das nächste Kapitel prägen werden

Auf die Frage, was sie sich wünscht, dass die Teilnehmer vom diesjährigen in4ma Forum mitnehmen, verweist Haass weder auf eine bestimmte Technologie noch auf ein bestimmtes Marktsegment oder Geschäftsmodell.

Stattdessen kehrt sie zu dem Gedanken zurück, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch zieht.

Strategie ist längst nicht mehr etwas, das Unternehmen alle paar Jahre überdenken. Sie ist zu einem kontinuierlichen Anpassungsprozess geworden.

„Die europäische Elektronikfertigung bietet nach wie vor erhebliche Chancen und Stärken. Diese Chancen werden sich jedoch nicht von selbst verwirklichen.“

Diese Einschätzung ist nüchtern und keineswegs alarmistisch. Europa verfügt weiterhin über erstklassige Ingenieurskompetenz, ein starkes industrielles Know-how und hochspezialisierte Hersteller. Doch diese Stärken allein werden den künftigen Erfolg nicht bestimmen. Zunehmend wird entscheidend sein, wie gut Unternehmen veränderte Marktbedingungen erkennen – und wie früh sie darauf reagieren.

„Die Unternehmen, die ihre Stärken kennen, ihre Marktposition klar definieren und frühzeitig die richtigen strategischen Entscheidungen treffen, werden auch künftig erfolgreich sein. Wer hingegen lediglich darauf hofft, dass sich die Marktbedingungen wieder so entwickeln wie früher, könnte vor deutlich größeren Herausforderungen stehen.“

In vielerlei Hinsicht bringt diese Aussage die Stimmung auf den Punkt, die sich während der diesjährigen Konferenzsaison entwickelt hat. Gespräche, die sich früher vor allem darum drehten, auf eine Markterholung zu warten, konzentrieren sich heute zunehmend darauf, sich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt.

Ein Gespräch, das weitergeht

Zurück in Berlin blieben viele Besucher noch lange nach dem Ende des Vortrags vor den letzten Folien stehen. Einige fotografierten die präsentierten Daten. Andere diskutierten die Schlussfolgerungen weiter auf den Fluren vor dem Konferenzsaal.

Die Gespräche, die in Berlin begonnen haben, werden schon bald fortgesetzt.

In wenigen Tagen werden viele derselben Fragen in Würzburg erneut aufgegriffen, wenn Branchenvertreter, Analysten und Hersteller zusammenkommen, um über die Zukunft der europäischen Elektronikfertigung zu diskutieren. Nicht aus der Perspektive kurzfristiger Marktschwankungen, sondern mit Blick auf die strategischen Entscheidungen, die die kommenden Jahre prägen werden.

Wie Haass es formuliert:

„Die Zukunft der europäischen Elektronikindustrie wird weniger von äußeren Umständen bestimmt werden als von den strategischen Entscheidungen, die Unternehmen heute treffen.“

Wenn die Frühjahrs-Expo-Saison von Evertiq die Fragen sichtbar gemacht hat, die die Branche derzeit beschäftigen, dann könnten die Diskussionen in Würzburg erste Hinweise darauf liefern, wie die Unternehmen diese Fragen beantworten wollen.


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