Von Excel zu KI: Die Zukunft der Produktionsplanung in der Elektronikfertigung
Trotz der zunehmenden Komplexität in der Produktion verlassen sich viele Elektronikhersteller noch immer auf Excel-Tabellen und manuelle Abstimmungen zur Planung ihrer Fertigungsabläufe. Im Gespräch mit Evertiq vor ihrem Vortrag auf der Evertiq Expo Berlin 2026 erklärt Mira Grünhaupt, Head of Solution Advisory bei PAILOT GmbH, warum moderne Produktionsplanung weiterhin eine Herausforderung darstellt – und wie KI-gestützte Planung Fabriken flexibler, reaktionsfähiger und wettbewerbsfähiger machen kann.
Trotz wachsender Produktionskomplexität setzen viele Hersteller weiterhin stark auf Excel und manuelle Koordination. Doch warum bleibt fortschrittliche Produktionsplanung gerade in der Elektronikfertigung so schwierig?
„Ich sehe dafür zwei Hauptgründe. Erstens ist die Komplexität in vielen Fabriken über die Jahre schrittweise gewachsen. Unternehmen haben nach und nach neue Produkte, Varianten, Prozesse und Kundenanforderungen hinzugefügt. Excel und manuelle Koordination wurden dabei oft zur pragmatischsten Lösung, obwohl sie nie für eine dynamische Produktionsplanung ausgelegt waren“, sagte Grünhaupt gegenüber Evertiq.
Als zweiten Grund nennt sie, dass viele verfügbare Planungslösungen bis vor Kurzem entweder zu langsam oder zu unflexibel waren, um die Realität auf dem Shopfloor realistisch abzubilden. In der Elektronikfertigung müssen zahlreiche Faktoren gleichzeitig berücksichtigt werden – darunter Mitarbeiterqualifikationen, Materialverfügbarkeit, Rüstvorgänge, begrenzte Anlagenkapazitäten, alternative Maschinen, Prozessabhängigkeiten und sich ändernde Kundenprioritäten. Wenn ein Planungssystem einen nächtlichen Berechnungslauf benötigt oder diese Faktoren nicht ausreichend abbilden kann, greifen Planer zwangsläufig wieder zu manuellen Anpassungen.
„Genau hier wird KI-basierte Optimierung zum entscheidenden Faktor. Sie kann eine hohe Komplexität in sehr kurzer Zeit verarbeiten und Pläne erstellen, die sowohl optimiert als auch realistisch genug für den täglichen Betrieb sind“, erklärte sie.
KI ermöglicht die Balance konkurrierender Ziele
Die Komplexität der Produktionsplanung ist jedoch nicht die einzige Herausforderung. Künstliche Intelligenz wird häufig in allgemeinen und teilweise abstrakten Begriffen diskutiert. Doch wo liegen die größten praktischen Unterschiede zwischen KI-gestützter Planung und traditionellen Planungsmethoden?
„Der größte Unterschied liegt in der Fähigkeit, mehrere miteinander konkurrierende Ziele gleichzeitig auszubalancieren. In der Produktionsplanung gibt es selten nur ein einziges Ziel. Unternehmen müssen Kundennachfrage erfüllen, Maschinen und Personal optimal auslasten, Rüstzeiten reduzieren, Lagerbestände kontrollieren, Durchlaufzeiten verkürzen und gleichzeitig auf Störungen reagieren“, sagte Grünhaupt.
Traditionelle Planungsansätze basieren ihrer Ansicht nach häufig auf festen Regeln oder sequenziellen Logiken. Verfahren wie Vorwärts- und Rückwärtsterminierung können einzelne Ziele gut unterstützen, stoßen jedoch schnell an ihre Grenzen, wenn mehrere Kennzahlen gleichzeitig optimiert werden müssen.
„KI-gestützte Planung kann viele mögliche Planungsszenarien bewerten und unterschiedliche Ziele gegeneinander abwägen. Außerdem können Unternehmen ihre Planungslogik flexibel anpassen, wenn sich geschäftliche Prioritäten ändern. Wird beispielsweise eine termingerechte Lieferung wichtiger als eine maximale Auslastung, kann das Planungssystem dies berücksichtigen. Dadurch wird die Planung deutlich stärker an der tatsächlichen Unternehmensstrategie ausgerichtet“, so Grünhaupt.
Erfolgreiche Einführung ist mehr als ein IT-Projekt
Auf der Evertiq Expo Berlin 2026 wird Grünhaupt betonen, dass intelligente Planungssysteme nicht als reine IT-Projekte betrachtet werden sollten. Entscheidend seien vor allem organisatorische und kulturelle Faktoren.
„Der wichtigste Faktor ist eine klare gemeinsame Vision. Alle Beteiligten müssen verstehen, warum das Unternehmen intelligente Planung einführt und welchen Beitrag sie zum langfristigen Erfolg leistet. Meist geht es nicht einfach um Automatisierung um ihrer selbst willen, sondern um bessere Liefertermintreue, höhere Flexibilität, weniger Krisenmanagement und mehr Transparenz in der Produktion“, erklärte sie.
Ein weiterer Schlüsselfaktor sei die interne Verantwortung für das Projekt.
„Erfolgreiche Projekte benötigen Fürsprecher, die den Zweck der Veränderung kontinuierlich kommunizieren und die Dynamik auch in schwierigen Phasen der Einführung aufrechterhalten. Die Einführung intelligenter Planung verändert Abläufe, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse. Das erfordert aktives Change Management und interne Kommunikation“, sagte Grünhaupt.
Darüber hinaus sollten IT, Produktionsplanung, Shopfloor-Teams, Produktionsleitung und Management von Beginn an eingebunden werden. So könnten Anforderungen frühzeitig berücksichtigt, betriebliche Einschränkungen verstanden und mögliche Akzeptanzprobleme vor dem Produktivstart erkannt werden.
„Kurz gesagt: Die Technologie muss leistungsfähig sein, aber auch die Organisation muss bereit sein, neue Arbeitsweisen anzunehmen“, sagte sie.
Produktionsplanung wird zunehmend in Echtzeit erfolgen
Mit Blick auf die Zukunft erwartet Grünhaupt, dass KI-basierte Planung die Arbeitsweise von Elektronikfabriken grundlegend verändern wird.
„KI-gesteuerte Planung wird Elektronikfabriken deutlich flexibler und reaktionsfähiger machen. Kürzere Lieferzeiten, kleinere Losgrößen und volatilere Nachfrage werden zunehmend zur Normalität. Unternehmen, die schnell reagieren und dennoch zuverlässig liefern können, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben“, sagte sie.
Zudem werde sich die Produktionsplanung stärker in Richtung Echtzeit-Entscheidungen entwickeln. Anstatt einen Plan einmal zu erstellen und ihn anschließend den ganzen Tag manuell anzupassen, würden Fabriken ihre Planung kontinuierlich auf Basis der aktuellen Situation optimieren.
Dies werde den Abstimmungsaufwand reduzieren, die Transparenz erhöhen und eine effizientere Nutzung knapper Ressourcen wie Fachkräfte, Maschinen und Anlagen ermöglichen.
„Langfristig wird der Wettbewerbsvorteil sehr einfach sein: schnell liefern zu können – und dieses Versprechen dann auch zuverlässig einzuhalten“, so Grünhaupt abschließend.
Die Evertiq Expo Berlin findet am 18. Juni statt. Dort wird Mira Grünhaupt ihren Vortrag „Advanced Scheduling as a Competitive Advantage: AI-Driven Planning in Electronics Manufacturing“ halten und die in diesem Interview angesprochenen Themen vertiefen.

