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Ukraine-Kvertus
© Liviorki for Evertiq
Elektronikproduktion |

Elektronik unter Druck: Wie reale Konflikte Designannahmen verändern

Über viele Jahre folgte die Entwicklung von Verteidigungselektronik einer relativ stabilen Logik. Systeme wurden auf Basis klar definierter Bedrohungsmodelle entwickelt, in kontrollierten Umgebungen getestet, zertifiziert und anschließend mit der Erwartung eingesetzt, über längere Zeit unverändert gültig zu bleiben.

Diese Logik gilt nicht mehr.

Der Krieg in der Ukraine hat eine andere Realität offengelegt – eine, in der elektronische Systeme nicht in stabile, sondern in hochdynamische Umgebungen eingeführt werden, in denen sich Gegner kontinuierlich anpassen und technologische Zyklen unter operativem Druck stark verkürzt werden. Unter solchen Bedingungen beginnt die Grenze zwischen Entwicklung und Einsatz zu verschwimmen.

„Im Krieg zwischen Drohnen und Gegenmaßnahmen ist Veränderung konstant: Frequenzen, Protokolle, Signalverstärkung und Steuerungslogik entwickeln sich ständig weiter“, sagt Yaroslav Filimonov, CEO des ukrainischen Herstellers von Counter-Unmanned-Aircraft-Systemen (C-UAS) Kvertus, im Gespräch mit Evertiq. „Infolgedessen geht es beim Design heute nicht mehr darum, ein finales Produkt zu schaffen, das über Jahre hinweg Bestand hat, sondern darum, einen kontinuierlichen Aktualisierungszyklus aufrechtzuerhalten.“

Dieser Wandel hat Auswirkungen, die weit über einzelne Technologien hinausgehen. Er stellt eine der grundlegenden Annahmen der Ingenieurwissenschaft infrage: dass ein System finalisiert, validiert und anschließend als stabile Lösung eingesetzt werden kann.

Stattdessen wird zunehmend erwartet, dass sich Systeme über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg weiterentwickeln – nicht als Frage der Optimierung, sondern des Überlebens.

Wie Filimonov gegenüber Evertiq erklärte, ist die Herausforderung nicht mehr nur technologischer Natur.

„Es reicht nicht aus, eine komplexe und teure Lösung zu entwickeln. Die entscheidende Frage ist, ob sie schnell angepasst, aktualisiert und skaliert werden kann.“

Im Zentrum dieser Transformation steht die Rolle der Zeit. Sie wird nicht mehr nur in Entwicklungszyklen oder Zertifizierungszeiträumen gemessen, sondern daran, wie schnell ein System auf eine sich verändernde Bedrohung reagieren kann.

„Die Frage ist nicht mehr nur, wie lange die Entwicklung dauert, sondern ob die Lösung noch relevant ist, wenn sie in Produktion geht und im großen Maßstab eingesetzt wird“, erklärt Filimonov. „In diesem Krieg hat die Seite einen Vorteil, die schneller auf neue Bedrohungen reagieren und diese Reaktion schneller skalieren kann.“

Diese Beschleunigung ist nicht auf einen einzelnen Konflikt beschränkt. Jüngste Entwicklungen in anderen Regionen – darunter der zunehmende Einsatz von UAVs in Konflikten im Nahen Osten unter Beteiligung Irans – weisen auf einen breiteren Wandel hin. Die Annahme einer vorhersehbaren, sich langsam entwickelnden Bedrohungslandschaft wird zunehmend durch ein Modell ersetzt, das von schneller Iteration, Anpassung und Rückkopplungsschleifen zwischen gegnerischen Systemen geprägt ist.

Infolgedessen wird die Front selbst Teil des Entwicklungsprozesses.

„Unter realen Gefechtsbedingungen verändert der Gegner ständig seine Vorgehensweise: neue Firmware entsteht, Datenübertragungsprotokolle werden angepasst, Frequenzen verschieben sich, und Taktiken entwickeln sich weiter“, erklärt Filimonov. „In diesem Sinne ist die Front Teil des Entwicklungszyklus geworden: Sie testet Lösungen nicht nur, sondern zwingt sie kontinuierlich zur Weiterentwicklung.“

Dies hat auch die Grenzen früherer Designansätze aufgezeigt. Systeme, die unter anfänglichen Bedingungen effektiv waren, können schnell unzureichend werden, wenn sich die Einsatzumgebung verändert.

Ein Beispiel ist der Wandel von gerichteten, vom Bediener gesteuerten Gegenmaßnahmen hin zu stärker verteilten und koordinierten Ansätzen. Zu Beginn des Krieges galten Lösungen wie Anti-Drohnen-Gewehre als effektiv. Doch als UAVs agiler wurden, in Gruppen operierten und aus mehreren Richtungen angriffen, hielten diese Annahmen nicht mehr stand.

„Am verwundbarsten waren nicht nur einzelne Komponenten, sondern auch die ursprünglichen Annahmen darüber, wie die Bedrohung aussehen würde“, stellt Filimonov fest.

Gleichzeitig hat sich der Mangel an Koordination zwischen Systemen als kritische Schwäche herausgestellt. Wenn mehrere Lösungen unabhängig voneinander in derselben Umgebung arbeiten, führt dies nicht nur zu geringerer Effektivität, sondern auch zu Interferenzen.

„Wenn jedes System isoliert arbeitet, ohne gemeinsame Steuerlogik, entstehen nicht nur Schutzlücken, sondern auch Risiken gegenseitiger Störungen“, sagt er.

Dies ist einer der Faktoren, die einen grundlegenden Wandel im Systemdesign vorantreiben – weg von Einzellösungen hin zu integrierten, softwaregetriebenen Architekturen. In diesem Modell ist Hardware allein nicht mehr ausreichend. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, Systeme dynamisch aktualisieren, koordinieren und steuern zu können.

„Die entscheidenden Bereiche werden diejenigen sein, in denen Hardware eng mit Software integriert ist“, erklärt Filimonov. „Starke Hardware allein reicht nicht aus, wenn ein System nicht schnell auf neue Frequenzen, Protokolle und Bedrohungsszenarien reagieren kann.“

Diese Integration verändert auch das Verständnis von Skalierbarkeit. Die Erweiterung der Systemabdeckung bedeutet nicht mehr nur, zusätzliche Einheiten einzusetzen, sondern sie innerhalb eines einheitlichen Steuerungsrahmens zu managen – häufig mit Fernsteuerung und zentralisierter Entscheidungsfindung.

Gleichzeitig führt steigende Systemkomplexität nicht zu höherer Komplexität für den Bediener. Im Gegenteil: Unter realen Bedingungen sind Einfachheit, Klarheit und schnelle Bedienbarkeit entscheidend.

„Ein System kann intern komplex sein, muss für den Bediener aber einfach und intuitiv bleiben“, sagt Filimonov. „Unter realen Bedingungen ist die Trainingszeit begrenzt, die Zusammensetzung der Einheiten verändert sich, und die Systeme werden nicht immer von Personen mit tiefgehendem technischen Know-how bedient.“

Dies fügt dem Begriff der Zuverlässigkeit eine weitere Dimension hinzu. Er wird nicht mehr nur durch langfristige Haltbarkeit oder Ausfallraten definiert, sondern auch dadurch, wie schnell ein System repariert, neu konfiguriert oder wieder in Betrieb genommen werden kann.

Parallel dazu verschiebt sich auch das Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit und Zertifizierung. Zwar hat der Druck zur schnellen Einführung zugenommen, doch die Anforderungen an Zuverlässigkeit und regulatorische Konformität bleiben bestehen – insbesondere in einem stark regulierten Bereich wie der Verteidigung.

„Die Herausforderung besteht darin, Entwicklungs- und Lieferzyklen zu verkürzen, ohne die Kontrolle über die Systemleistung zu verlieren“, so Filimonov. „Einige Verfahren werden vereinfacht, aber das entbindet nicht von der Verantwortung für das Endergebnis.“

Insgesamt weisen diese Entwicklungen auf einen grundlegenden Wandel in der Konzeption von Verteidigungselektronik hin. Der Fokus verschiebt sich weg von statischen Lösungen hin zu Systemen, die anpassungsfähig, vernetzt und kontinuierlich weiterentwickelt sind.

In diesem Zusammenhang gewinnen Technologien im elektromagnetischen Bereich – darunter elektronische Kriegsführung – erneut an Bedeutung. Während sie oft weniger sichtbar sind als kinetische Systeme, wird ihre Rolle bei der Abwehr großer Mengen kostengünstiger Bedrohungen zunehmend zentral.

„Sie werden oft unterschätzt, weil ihre Wirkung nach außen weniger sichtbar ist“, sagt Filimonov. „Gleichzeitig zeigt die Erfahrung dieses Krieges, dass solche Systeme nicht nur unterstützend, sondern ein grundlegendes Element der Verteidigung werden.“

Dies ist nicht nur ein technologischer, sondern auch ein konzeptioneller Wandel. Er stellt langjährige Annahmen darüber infrage, wie Systeme entwickelt, validiert und eingesetzt werden – und ersetzt sie durch ein Modell, in dem Anpassungsfähigkeit, Geschwindigkeit und Integration die Wirksamkeit bestimmen.

Und in diesem Modell gibt es keine endgültige Version mehr. Nur die nächste Iteration.

Filimonov wird diese Themen in seinem Vortrag auf der Evertiq Expo Kraków am 7. Mai vertiefen. Dabei wird er darauf eingehen, wie solche Systeme nicht als isolierte Lösungen, sondern als Teil integrierter, adaptiver Architekturen entwickelt werden können, die unter kontinuierlichem Druck funktionieren.

Seine Perspektive basiert auf realen Einsätzen. Kvertus, das Unternehmen, das er leitet, entwickelt und produziert Systeme zur Signalaufklärung (SIGINT) und elektronischen Kriegsführung, die derzeit von den ukrainischen Streitkräften eingesetzt und kontinuierlich auf Basis operativer Rückmeldungen weiterentwickelt werden.


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