Versorgungssicherheit wird zum Wettbewerbsvorteil
Wenn nicht der Chip fehlt, sondern das Material darunter
Die nächste Versorgungskrise beginnt möglicherweise nicht beim Halbleiter – und damit steht die Elektronikfertigung vor einer neuen Realität. Geopolitische Unsicherheiten, Handelsbarrieren, schwankende Lieferzeiten und volatile Preise erschweren die Planung, während gleichzeitig die technischen Anforderungen an elektronische Produkte steigen. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, reicht heute nicht mehr aus: Der niedrigste Einkaufspreis allein ist keine ausreichende Strategie für eine zuverlässige Versorgung.
Eine zentrale Frage rückt deshalb in den Mittelpunkt: Wie gut ist eine Lieferkette darauf vorbereitet, wenn sich Verfügbarkeit, Preise oder technische Rahmenbedingungen kurzfristig verändern?
Diese Frage betrifft längst nicht mehr nur Halbleiter. Auch Materialien für Leiterplatten werden zu einem kritischen Faktor. FR-4, CCL, Prepreg und Glasfasergewebe galten lange als selbstverständlich verfügbar. Inzwischen steigen jedoch Nachfrage und Lieferzeiten, während Lagerbestände sinken. Erste Allokationen erreichen auch den Standardmarkt.
Ein wesentlicher Treiber ist der wachsende Bedarf für KI- und Datacenter-Anwendungen. Hochleistungsanwendungen benötigen größere Leiterplattenflächen, höhere Layerzahlen und anspruchsvollere Basismaterialien. Produktionskapazitäten für Kupferfolie, Glasfasergewebe, CCL und Prepreg werden daher zunehmend auf höherwertige Anwendungen ausgerichtet. Für konventionelle Leiterplatten steht dadurch weniger Kapazität zur Verfügung.
Die Folgen sind unmittelbar spürbar: steigende Preise, längere Lieferzeiten und eine geringere Planungssicherheit. Bei einzelnen von cms electronics betreuten Projekten zeigen sich die gestiegenen Material- und Herstellungskosten bereits deutlich in den Einkaufspreisen für Leiterplatten. Abhängig von Aufbau, Material, Technologie und Lieferquelle liegen die Preissteigerungen in diesen Projekten bereits im Bereich von rund 35 bis 45 Prozent.
Damit wird die PCB-Versorgung zu einem strategischen Supply-Chain-Thema. Versorgungssicherheit ist nicht mehr allein eine Aufgabe des Einkaufs – und auch nicht des EMS-Partners. Sie wird zu einer gemeinsamen technischen und kaufmännischen Aufgabe von Kunde, EMS und Lieferanten.
Resilienz beginnt vor dem Engpass
Supply-Chain-Resilienz bedeutet nicht, dass Störungen vollständig verhindert werden können. Sie beschreibt vielmehr die Fähigkeit, Risiken früh zu erkennen, zu bewerten und gezielt darauf zu reagieren – möglichst bevor ein Engpass die Fertigung gefährdet.
Für cms electronics basiert diese Fähigkeit auf vier miteinander verbundenen Faktoren:
- Risiken früh erkennen – Materialverfügbarkeit, Obsoleszenz und Kapazitäten
- Bedarfe vorausschauend planen – Forecasts, Kapazitäten und Materialien
- Alternativen vorbereiten – qualifizierte Materialien, Technologien und Second Sources
- Entscheidungen gemeinsam treffen – Kunde, cms und Lieferanten auf derselben Datenbasis
Der entscheidende Punkt: Resilienz entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme. Ein zusätzlicher Lagerbestand kann helfen, reicht allein aber nicht aus. Eine alternative Bezugsquelle ist nur dann wertvoll, wenn sie qualifiziert ist und die dort verfügbaren Materialien technisch eingesetzt werden können. Und selbst eine gute technische Lösung bleibt wirkungslos, wenn relevante Informationen zu spät vorliegen.
Deshalb setzt cms electronics auf mehrere qualifizierte Bezugsquellen sowie regionale und globale Beschaffungsoptionen. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt vom konkreten Risiko ab. cms electronics bewertet kritische Komponenten und Materialien deshalb nicht isoliert nach ihrer aktuellen Lieferzeit. Ebenso relevant sind ihre Bedeutung für das Produkt, verfügbare technische Alternativen und die Belastbarkeit der Kundenplanung. Daraus ergibt sich, wo eine zusätzliche Bezugsquelle vorbereitet, ein Alternativmaterial qualifiziert oder ein gezielter Bestand aufgebaut werden sollte. Bei Abkündigungen werden mögliche Alternativen und erforderliche Last-Time-Buy-Mengen frühzeitig mit dem Kunden abgestimmt.

Für die Leiterplattenbeschaffung bedeutet das: Ein zweiter Hersteller allein schafft noch keine belastbare Ausweichmöglichkeit. Entscheidend ist, ob er den benötigten Aufbau mit einem freigegebenen Material fertigen kann und die erforderlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen. Ein proaktiver EMS-Partner verbindet deshalb die Qualifikation zusätzlicher PCB-Hersteller mit der Vorbereitung geeigneter Alternativmaterialien und einer frühzeitigen Kapazitätsplanung. Langfristige Rahmenverträge mit Materialherstellern können zusätzlich dazu beitragen, Versorgung und Kosten besser planbar zu machen. So werden aus zusätzlichen Beschaffungsoptionen tatsächlich nutzbare Handlungsalternativen.
Versorgungssicherheit bedeutet nicht, möglichst viel Material einzulagern. Sie bedeutet, belastbare Handlungsoptionen zu haben.
Von der Schattenplanung zur KI-gestützten Feinplanung
Resilienz beginnt nicht erst im Einkauf. Sie setzt eine gemeinsame Planung voraus, die mit Unsicherheit umgehen kann. Mittel- und langfristige Verträge sowie belastbare Kunden-Forecasts bilden dafür eine wichtige Grundlage. Wenn sich Bedarfe verändern, müssen diese Informationen schnell zwischen Kunde, Einkauf und Produktion fließen.
Bei cms electronics werden unterschiedliche Versorgungskonzepte miteinander kombiniert – abhängig von Produkt, Bedarf und Risiko. Nicht jede Schwankung soll durch Lagerbestand ausgeglichen werden. Entscheidend ist vielmehr, dass die Planung flexibel auf Veränderungen reagieren kann und kritische Entwicklungen früh sichtbar werden.
Digitalisierung schafft dafür die notwendige Transparenz. Material- und Prozessdaten werden durchgängig erfasst und rückverfolgt. Mithilfe von MES, Inline-Prüfungen und automatisierter Qualitätskontrolle lassen sich Materialien und Bauteile bis zum Lieferanten und zur jeweiligen Charge zurückverfolgen. Das erleichtert die schnelle Eingrenzung von Qualitätsabweichungen und schafft eine belastbare Datenbasis für Entscheidungen.
Für die Versorgungssicherheit ist darüber hinaus entscheidend, ob Material und Fertigungskapazitäten für die vorgesehenen Bedarfe zusammenpassen. Hier setzt die vorausschauende Planung als weiterer Baustein der Supply-Chain-Resilienz an. cms electronics arbeitet mit einem vierstufigen Modell aus Kundenplanung, Kundenbestellungen, Schattenplanung und flexibler Feinplanung. Dabei werden die erwarteten und bestellten Bedarfe mit der aktuellen Versorgungssituation zusammengeführt. Die Schattenplanung überwacht unter anderem die Materialverfügbarkeit und macht sichtbar, wo die geplante Fertigung durch mögliche Engpässe gefährdet ist. Dadurch können Einkauf, Planung und Kunde frühzeitig klären, welche Maßnahmen erforderlich sind.
In der operativen Feinplanung kommt mit PAILOT ein KI-basiertes Advanced-Planning-and-Scheduling-System zum Einsatz. Es berücksichtigt verfügbare Kapazitäten, Ressourcen und unterschiedliche Planungsziele und passt die Planung bei Veränderungen entsprechend an. Der Nutzen liegt in der Verbindung beider Ebenen: Versorgungsrisiken werden früh sichtbar, ihre Auswirkungen können in der Produktionsplanung berücksichtigt werden.
Entscheidend ist dabei nicht die KI als Selbstzweck, sondern ihre Einbindung in Einkauf, Materialplanung und Produktion. So werden aus frühzeitig erkannten Risiken konkrete Planungsentscheidungen und es entsteht Reaktionsfähigkeit, wenn sich Rahmenbedingungen kurzfristig verändern.
Diese Leistungen sind Teil des umfassenden Serviceangebots von cms electronics. Der EMS-Partner übernimmt nicht nur die Fertigung elektronischer Baugruppen. Er unterstützt Kunden auch dabei, technische Anforderungen, Materialverfügbarkeit, Beschaffung und Produktionsplanung zusammenzuführen. So wird aus einer möglichen Störung möglichst früh eine handhabbare Entscheidung.
Ein Praxisbeispiel aus der Industrieautomation
Wie sich dieser Ansatz in der Praxis auswirkt, zeigt ein Beispiel aus der Industrieautomation. Bei einem bestehenden Produkt stieg der Bedarf kurzfristig um 40 Prozent. Gleichzeitig wurde ein für die Fertigung benötigtes FR-4-Laminat beim Lieferanten allokiert. Die Serienversorgung war damit unmittelbar gefährdet.
Innerhalb von 48 Stunden stimmten sich Einkauf, Planung und Produktion ab und bewerteten die Situation. Weil bereits ein alternatives FR-4-Material qualifiziert war, musste die technische Freigabe nicht erst während des Engpasses beginnen. Zusätzlich konnte ein zweiter qualifizierter PCB-Hersteller aktiviert werden, bei dem das alternative Material verfügbar war.
Auf Basis des Kunden-Forecasts wurde außerdem gezielt ein zusätzlicher Bestand aufgebaut. Dadurch konnte die Serie stabil weitergeführt und die Planung des Kunden geschützt werden. Der Kostenanstieg lag bei rund 15 Prozent und blieb damit besser kalkulierbar, als dies bei einer rein reaktiven Beschaffung zu erwarten gewesen wäre.
Das Beispiel zeigt: Resilienz entsteht vor dem Engpass. Sie beruht auf vorbereiteten Alternativen, qualifizierten Lieferquellen, transparenter Planung und der Fähigkeit, schnell gemeinsam zu handeln.
Der EMS-Partner als aktiver Supply-Chain-Partner
Die Rolle des EMS-Partners verändert sich. Gefragt ist heute nicht mehr nur die zuverlässige Fertigung nach vorgegebenen Spezifikationen. Entscheidend ist zunehmend die Fähigkeit, technische, logistische und wirtschaftliche Risiken frühzeitig zu erkennen und gemeinsam mit dem Kunden konkrete Handlungsoptionen zu entwickeln.
Versorgungsrisiken müssen deshalb bereits in Entwicklung, Industrialisierung und laufende Serienplanung einfließen. Qualifizierte Alternativmaterialien, zusätzliche Lieferquellen, belastbare Forecasts und die frühzeitige Bewertung kritischer Komponenten schaffen Spielraum, bevor eine Versorgungssituation zum Produktionsproblem wird.

Dabei gibt es keine Standardlösung. Gemeinsam mit dem Kunden werden Maßnahmen nach Produkt, Technologie, Bedarf und Risikoprofil abgestimmt. cms electronics verbindet dafür Engineering, Einkauf und Materialmanagement, Planung, Fertigung und Qualitätssicherung zu einem integrierten Ansatz. Das Ziel ist nicht, jedes Risiko auszuschließen, sondern rechtzeitig belastbare Optionen zu schaffen und auch unter veränderten Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben.
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Über cms electronics

„We realise visions“ – unter diesem Leitgedanken präsentiert sich die cms electronics group auf der diesjährigen electronica. Der international tätige Elektronikfertigungs-Dienstleister mit Standorten in Österreich, Ungarn, Deutschland und China steht für maßgeschneiderte Komplettlösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Entwicklung über das Prototyping bis hin zur Serienfertigung und kompletten Geräteintegration.
Als erfahrener Partner im Bereich Electronic Manufacturing Services (EMS) entwickelt cms electronics innovative Testsysteme, intelligente Fertigungskonzepte und zukunftsweisende Technologien für unterschiedlichste Branchen – von Automotive über Industrie bis Medizintechnik.
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