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Bild nur zu Illustrationszwecken. Elektronikproduktion | 15 März 2010

Studie: Die Elektronik-Industrie in Mittel- und Osteuropa

Als die zentral gesteuerten Wirtschaftssysteme zusammenbrachen und die Märkte in Zentral- und Osteuropa (CEE) ausländischem Kapital geöffnet wurden, begannen auch die Grossen der Elektronikbranche in der Region zu investieren. Wie hat sich das jedoch auf die Arbeitnehmer in CEE ausgewirkt?

In der Vergangenheit haben Organisationen und Gewerkschaften in der "alten" Europäischen Union (EU) vor allem die Arbeitnehmerrechte (und Fragen) in Asien betont. Mit den schnellen und tief greifenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in Mittel- und Osteuropa in den letzten 10 Jahren, sind diese Fragen und Probleme auch für diese Region akut geworden. Die makeITfair-Kampagne hat die Arbeitsbedingungen in CEE einmal unter die Lupe genommen – Studien und Befragungen wurden in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik durchgeführt. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Elektronikfertigung gab es auch schon während der Zeit der zentral gesteuerten Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa. Mit dem Zusammenbruch dieser Systeme öffneten sich die Märkte und die ehemals in Staatsbesitz befindlichen Unternehmen waren unfähig mit den amerikanischen, asiatischen und anderen europäischen Unternehmen zu konkurrieren. Damit wurden die multinationalen, ausländischen Unternehmen die wichtigsten Akteure auf dem Export-orientierten Elektronik-Sektor in CEE. EU-Unternehmen waren die ersten, die in der Region investierten. Sie reagierten vor allem auf strategische Möglichkeiten wie z.B. niedrigere Arbeitskosten und die Nähe zu den westeuropäischen Absatzmärkten. Auch koreanische Unternehmen waren unter den ersten Investoren; vor allem weil sie Mittel- und Osteuropa als Produktions-Plattform für den ganzen europäischen Markt nutzen wollten. Mitte der 1990er Jahre kamen dann auch amerikanische Unternehmen, gefolgt von japanischen Konzernen zum Ende des Jahrzehnts. Heute sind die meisten großen Elektronik-Unternehmen in der Region vertreten: Phillips, Siemens, Nokia, Motorola, Sony, Matshushita, LG Electronics, Ericsson, Daewoo, HP, Dell, IBM, Microsoft, Intel, Canon und Samsung. Alle großen EMS-Dienstleister—Flextronics, Foxconn, Celestica, Jabil, Solectron, Sanmina, Zollner, Benchmark, Plexus und Elcoteq—haben sich ebenfalls in der Region etabliert. Was Unternehmen tun sollten Die schnell wachsende Elektronikindustrie in CEE steht vor vielen sozialen und ökologischen Probleme—Fragen und Probleme für welche die Elektronik-Unternehmen Verantwortung (über die gesamte Lieferkette hinweg) übernehmen müssen. Die Unternehmen sollten auch die Verantwortung für Leiharbeitnehmer (insbesondere solche die aus dem Ausland in die Region gebracht wurden) übernehmen. Diese Arbeitnehmer laufen Gefahr zu illegalen Einwanderern zu werden, wenn sie den Arbeitsplatz verlieren. Die Situation dieser Menschen bleibt unsicher—etwas, was dringend von Arbeitsagenturen und Unternehmen gleichermaßen angesprochen werden muss. Unternehmen können die Leiharbeit in ihre Verhaltenskodizes integrieren und bei Kontrollen besonderes Augenmerk auf die Leiharbeitnehmer richten. Elektronik-Unternehmen sollten auch bei ihren Zulieferern die Umsetzung von Verhaltenskodizes, sowie die Verbesserung der Überwachungs- und Audit-Systeme durchsetzen. Neben der Verbesserung der internen Überwachungs-Systeme sind auch externe und unabhängige Überprüfungen wichtig. Schließlich müssen die Unternehmen mit den lokalen NGOs und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Unternehmen, einschließlich ihrer Zulieferer, müssen die Rechte der Arbeitnehmer anerkennen und die Bildung von Gewerkschaften zulassen. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen kann nicht gewonnen werden, wenn Arbeitnehmer nicht gehört werden können, schreibt die Organisation in seinem letzten Bericht. Einige Ergebnisse der Studie Ein großer Unterschied im Entgelt Im Januar 2009 beschloss Dell seine Stammwerk aus Limerick, Irland nach Lodz, Polen zu verlagern. Polnische Arbeiter am Fliessband bekommt rund €2,89 pro Stunde (deutlich über dem Mindestlohn von € 281 pro Monat in 2009). Ähnlich gestellt Dell-Mitarbeiter in Limerick bekamen €10 pro Stunde. Führungskräfte in Polen erhalten €2.500 pro Monat (in Irland: zwischen €3500 - €10.000 € pro Monat). Leiharbeiter in der Tschechischen Republik Auf die Elektronik-Industrie entfallen rund 30% der gesamten ausländischen Investitionen in der Tschechischen Republik. Von den Exporten der Elektronik-Industrie gehen rund 92% in den europäischen Markt. Dies zeigt, dass die Niedrigkosten-Standorte in der Tschechische Republik fast ausschließlich für den europäischen End-Markt etabliert wurden. Die Löhne der Produktionsarbeiter mit unbefristetem Vertrag entsprechen denen in anderen—vergleichbaren—Positionen und Unternehmen (in einigen Fällen sind sie sogar höher). Die Arbeitsbedingungen der ‚Agentur-Arbeiter’—kommen meist aus der Mongolei, der Ukraine, Vietnam und Weißrussland—sind jedoch in vielen Fällen erschreckend. Die Industrie der Agenturarbeiter ist voller missbräuchlicher Praktiken. Agenturen, welche Leiharbeitnehmer anwerben wollen, müssen eine Lizenz beim Ministerium für Arbeit und Soziales beantragen. Die Vergabekriterien sind jedoch mehr als lasch. Rechtsvorschriften, welche die Beschäftigung über Agentur (und die rechtlichen Zusammenhänge) verdeutlichen sollten traten 2004 in Kraft. Sie sollten einen besseren Schutz der Agenturarbeiter gewährleisten. In Wirklichkeit befinden sich ausländische Arbeitnehmer in einer besonders prekären Lage. Das neue Gesetz sieht vor, dass ein Arbeitnehmer ein Visum nur für eine konkrete Position innerhalb des Unternehmens erhalten kann. Wird der Vertrag gekündigt, muss die Agentur einen Bericht an das Arbeitsamt schicken, was schließlich in die Auflösung des Aufenthaltstitels endet. Wenn der Arbeitnehmer nicht schnell genug einen neuen Arbeitsplatz findet, dann ist er oder sie automatisch ein illegaler Einwanderer. Einige Agenturen sorgen sogar dafür, dass Menschen zu illegalen Einwanderern werden. So können sie ihnen einen neuen Arbeitsplatz unter schlechteren Bedingungen anbieten. Zudem zeigen neue Untersuchungen auch ein Netzwerk für ausgedehnten Menschenhandel—durch Bestechung tschechischer Beamten in verschiedenen Botschaften (hauptsächlich in Hanoi, Ulaanbaatar und Kiew) aufrecht erhalten. LG Electronics in Polen 2005 kündigte LG Electronics an, dass die größte LCD-Fabrik der Welt in Biskupice (in der Nähe von Breslau; Polen) gebaut werden solle. Das Unternehmen erklärte, dass Tausende von Arbeitern in der Produktion allein Arbeit finden sollten. LG Electronics ging davon aus, dass die Einstellung von Arbeitnehmern—in der Produktion vornehmlich Frauen (welche für niedrigere Löhne arbeiten würden)—einfach werden würde. Die polnische Regierung bot umfassende Unterstützung an; LG Electronics erhielt erhebliche Steuervorteile. Mit dem angebotenen Lohn war es jedoch nicht einfach genug Arbeitnehmer zu finden. Heute wollen Produktionsarbeiter mindestens 2000 PLN (€ 500) pro Monat verdienen. Für eine 10-Stunden-Schicht am Fließband erhält ein Arbeitnehmer bei LG Electronics rund 1.000 PLN (€250 € nach Steuern) pro Monat. LG in Biskupice erwähnt—von Anfang an—die Schwierigkeiten, die man bei der Rekrutierung von genügend Arbeitnehmern hatte. Zu einem Zeitpunkt wollte LG Electronics sogar Produktionsarbeiter aus China nach Polen bringen, um das Problem zu lösen. Die Provinzregierung setzte diesen Plänen jedoch ein Ende und betont, dass ausländische Unternehmen polnischen Arbeitern stattdessen bessere Arbeitsbedingungen anbieten sollten. Nachdem sich in anderen LG Fabriken im Juni 2007 dann zwei tödliche Unfälle ereigneten, begann die Gewerkschaft Solidarność eine Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen. Die Gewerkschaft forderte eine Lohnerhöhung von 10%, kämpfte gegen lange Arbeitszeiten, erzwungene Überstunden und—durch befristete Arbeitsverträge— unsichere Arbeitsplätze. Auch die Behinderung der Gewerkschaftsarbeit sollte bekämpft werden. Viele Arbeitnehmer, die sich den Protesten angeschlossen hatten, wurden entlassen. Sie wurden bis heute nicht wieder eingestellt, heisst es weiter im Bericht On the Move. ----- Quelle: makeITfair
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