Schweden droht bei Kreislaufwirtschaft in der Elektronik zurückzufallen
Zwischen Anspruch und tatsächlicher Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in der schwedischen Elektronikindustrie besteht eine Lücke, sagt Elisabet Österlund, Generalsekretärin von Svensk Elektronik. Damit Kreislaufwirtschaft mehr als nur ein Nachhaltigkeitsthema bleibt, brauche es stärkere Anreize sowohl von der Industrie als auch von staatlicher Seite.
Schweden verfügt über eine starke Elektronikindustrie und mehrere etablierte Recyclingunternehmen. Doch während die Nachbarländer Finnland und Norwegen ihre Strategien für die Kreislaufwirtschaft vorantreiben, stellt sich die Frage, ob Schweden mithalten kann.
„Schweden vermittelt den Eindruck, hohe Ambitionen zu haben und ganz vorne dabei sein zu wollen, aber bei der Umsetzung sind wir noch nicht ganz angekommen. Es besteht eine Lücke zwischen dem Anspruch und der tatsächlichen Umsetzung“, sagt Österlund.
Svensk Elektronik leitet ReLoop Electronics, ein dreijähriges Projekt, das im Dezember 2025 gestartet wurde und von der schwedischen Energiebehörde mitfinanziert wird. Beteiligt sind außerdem die Universität Linköping und fünf weitere Partner. Ziel ist es, den Übergang zu einer stärker kreislauforientierten, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen schwedischen Elektronikindustrie voranzutreiben.
„Die Elektronikindustrie hat sich ein Stück weit zurückgelehnt und gesagt, dass die Emissionen in der Stahlindustrie höher sind. Doch mit der rasanten Entwicklung der KI wird die Elektronikindustrie sie überholen. Wir werden schlichtweg zu einem schwarzen Loch“, sagt Österlund.
Elektroschrott verlässt Europa
Auf die Frage, warum Kreislaufwirtschaft für die Elektronikindustrie wichtig ist, verweist Österlund zunächst auf den Elektroschrott, der aus Europa exportiert wird.
„Ich finde es schrecklich, dass wir in Europa riesige Mengen Elektroschrott nach Afrika schicken. Wenn wir ihn wiederverwenden könnten, würden wir hier in Europa deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen“, sagt sie.
Die Zielorte sind gut dokumentiert. Agbogbloshie in Ghana und Dandora in Kenia zählen zu den bekanntesten Elektroschrottstandorten der Welt. In Agbogbloshie wurden elektronische Geräte verbrannt, um wertvolle Metalle zurückzugewinnen. Auch Olusosun in Lagos, Nigeria, ist als Standort bekannt, an dem Menschen Abfälle nach wiederverwertbaren Materialien durchsuchen.
Untersuchungen zu Elektroschrott in Subsahara-Afrika weisen auf erhebliche Gesundheitsrisiken für Menschen hin, die in der Nähe informeller Elektroschrottverarbeitung arbeiten. Dazu gehören neurologische Schäden, ein erhöhtes Krebsrisiko sowie gefährlich hohe Belastungen mit Blei und Cadmium. Das Problem beschränkt sich nicht auf Afrika. Auch die Bucht von Manila auf den Philippinen und Guiyu in China sind als Elektroschrott-Hotspots bekannt.
Kreislaufwirtschaft als Wettbewerbsvorteil
Neben Umwelt- und Gesundheitsaspekten geht es bei der Kreislaufwirtschaft auch um Kosten und Wettbewerbsfähigkeit. Elektronik enthält Metalle, Mineralien und Komponenten, die wiederverwendet, repariert oder recycelt werden können. Gleichzeitig hat sich die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen von einer Umweltfrage zunehmend zu einer geopolitischen Herausforderung entwickelt.
„Wenn der Zugang zu Komponenten und kritischen Rohstoffen zu einer strategischen Frage wird – und das ist bereits der Fall –, dann wird Kreislaufwirtschaft auch zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit“, sagt Österlund.
Für eine schwedische Elektronikindustrie, die bei Digitalisierung und Elektrifizierung eine führende Rolle einnehmen will, gibt es laut Österlund daher überzeugende Gründe, stärker zirkuläre Material- und Produktströme aufzubauen.
Dass Schweden dabei eine Führungsrolle übernimmt, ist jedoch keineswegs selbstverständlich.
Finnland und Norwegen sind voraus
Finnland hat die Kreislaufwirtschaft bereits seit längerer Zeit in seiner nationalen Industriepolitik verankert. Förderprogramme und Innovationsinitiativen verbinden Kreislaufwirtschaft dort mit Materialeffizienz und neuen Geschäftsmodellen. Noch im Juni 2026 eröffnete Business Finland im Rahmen von IPCEI CAM einen speziellen Förderaufruf für Projekte in den Bereichen Kreislaufwirtschaft und fortschrittliche Materialien.
„In Finnland gibt es mehr finanzielle Unterstützung für die Umsetzung, und im Allgemeinen sind sie darin etwas besser – oder zumindest klarer. Genau dahin müssen wir jetzt auch in Schweden kommen“, sagt Österlund.
Auch Norwegen betrachtet die Gesetzgebung zu nachhaltigen Produkten und Wertschöpfungsketten als eines der wichtigsten Instrumente für den Wandel. Der Aktionsplan der norwegischen Regierung zur Kreislaufwirtschaft enthält einen eigenen Abschnitt zu elektrischen und elektronischen Geräten.
Schweden verfügt seit 2020 über eine nationale Strategie für Kreislaufwirtschaft. Die Elektronikindustrie wird darin jedoch nicht als eigener Schwerpunktbereich behandelt. Stattdessen konzentriert sich die Strategie auf Kunststoffe, Textilien, Lebensmittel, den Bausektor sowie innovationskritische Metalle und Mineralien. Elektronik wird im Zusammenhang mit kritischen Metallen erwähnt, wobei unter anderem Batteriesysteme und Pfandsysteme für kleine Elektronikgeräte als mögliche Maßnahmen genannt werden.
„Auch Schweden braucht geeignetere politische Instrumente. Ich weiß noch nicht genau, ob wir dem finnischen, dänischen oder norwegischen Modell folgen sollten. Aber wir können feststellen, dass Schweden dies zumindest überprüfen muss“, sagt Österlund.
Vier Hindernisse für eine zirkuläre Elektronikindustrie
Im Rahmen von ReLoop Electronics untersuchen Industrie und Wissenschaft derzeit die bestehenden Hindernisse und entwickeln einen gemeinsamen Weg nach vorn. Svensk Elektronik hat dabei vier zentrale Herausforderungen identifiziert.
Die erste ist das Produktdesign. Viele heutige Elektronikprodukte sind gekapselt, verklebt oder vergossen, um Feuchtigkeit und Vibrationen standzuhalten. Dadurch lassen sich Komponenten jedoch nur schwer demontieren und wiederverwenden.
„Produkte müssen für die Kreislaufwirtschaft entwickelt werden. Und sie müssen so konstruiert sein, dass sie zerlegt werden können – vielleicht von Robotern“, sagt Österlund.
Die zweite Herausforderung ist das Fehlen von Systemen, die den vollständigen Wert von Komponenten erfassen, anstatt lediglich den Wert ihrer Rohstoffe zu berücksichtigen. Rücknahmesysteme zur Metallgewinnung existieren bereits. Systeme, mit denen Komponenten und Materialien auf einer höheren Wertschöpfungsstufe wiederverwendet werden können, fehlen dagegen weitgehend. Norwegen ist in diesem Bereich bereits weiter vorangekommen.
Der dritte Punkt ist die Rückverfolgbarkeit. Damit eine Komponente wiederverwendet werden kann, muss ein Käufer ihr Alter, ihren Zustand und ihre Materialzusammensetzung kennen. Diese Informationen stehen heute häufig nicht zur Verfügung. Der geplante digitale Produktpass der EU wird dabei als wichtiger Baustein betrachtet.
Die vierte Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit. Kreislaufwirtschaft darf nicht ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet werden. Es müssen konkrete Anreize für Käufer entstehen, zirkuläre Produkte nachzufragen. Ohne dieses Nachfragesignal können entsprechende Geschäftsmodelle nicht wirtschaftlich tragfähig werden.
Die derzeit im Rahmen von ReLoop Electronics laufende Bestandsaufnahme untersucht genau diese Herausforderungen – vom Produktdesign und der Rückverfolgbarkeit bis hin zum Fehlen geeigneter Rücknahmesysteme und klarer politischer Instrumente. Ziel ist es, festzustellen, wo die schwedische Elektronikindustrie heute tatsächlich steht, und daraus konkrete Leitlinien und einen Fahrplan für den Übergang zu einer stärker kreislauforientierten Produktion zu entwickeln.
Die Ergebnisse und die nächsten Schritte des Projekts wird Elisabet Österlund, Generalsekretärin von Svensk Elektronik, am 17. September auf der Evertiq Expo Göteborg vorstellen.



