Halbleiter-Obsoleszenz wird zunehmend zum strukturellen Problem
Die Lücke zwischen der Lebensdauer, die Elektronikhersteller für ihre Produkte benötigen, und dem Zeitraum, über den Komponentenhersteller ihre Bauteile produzieren wollen, wird größer. Für Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik und Verteidigung, in denen Produkte 20 oder 30 Jahre im Einsatz bleiben können, entwickelt sich der Trend zu immer stärker von der Unterhaltungselektronik bestimmten Halbleiter-Lebenszyklen zu einem schleichenden Problem, das erst jetzt die nötige Aufmerksamkeit erhält.
Gunter Mößinger von HTV ALTER TECHNOLOGY hat bereits gegenüber Evertiq erläutert, was diese Entwicklung in der Praxis bedeutet und seine Schlussfolgerungen sind wenig beruhigend. Komponenten, die früher ein Jahrzehnt lang als Grundlage für Designs dienten, verschwinden heute innerhalb eines Bruchteils dieser Zeit vom Markt. Treiber dieser Entwicklung ist unter anderem die Nachfrage nach intelligenteren und stärker vernetzten Verbrauchergeräten. Abkündigungen erfolgen häufiger und die Zeitspanne zwischen der Ankündigung und dem Last-Time-Buy wird kürzer.
Erschwert wird die Situation dadurch, dass auch der naheliegende Ansatz, Komponenten frühzeitig auf Vorrat zu kaufen, eigene Risiken mit sich bringt. Bauteile, die über Jahre gelagert werden, bleiben nicht einfach unverändert im Regal liegen. Durch das Wachstum intermetallischer Phasen, bei dem sich Kupfer aus den Anschlusspins der Komponenten in der Zinn-Lötschicht löst, können Bauteile ihre Lötbarkeit verlieren, noch bevor sie überhaupt eine Produktionslinie erreichen.
Eine fachgerechte Langzeitlagerung erfordert daher kontrollierte Umgebungsbedingungen, eine kontinuierliche Überwachung und entsprechende Prozesse – Voraussetzungen, auf die viele Unternehmen nicht eingestellt sind.
Bei der vorausschauenden Planung hat die Branche Fortschritte gemacht. Obsoleszenzmanagement hat sich zu einer anerkannten Disziplin mit eigenen Verantwortlichkeiten und strukturierten Planungsmodellen entwickelt. Mößinger macht jedoch deutlich, wo die Grenzen eines proaktiven Managements liegen: Verlässt ein Lieferant ohne Vorwarnung den Markt oder stellt er eine Produktlinie einseitig ein, wird selbst der beste vorbereitete Plan zwangsläufig reaktiv.
Ein Redesign bietet dagegen eine der besten Möglichkeiten für ein tatsächlich proaktives Eingreifen – insbesondere dann, wenn ein Produkt ohnehin überarbeitet wird. In dieser Phase Komponenten mit längeren erwarteten Produktionszeiträumen auszuwählen, gehört laut Mößinger zu einer vorausschauenden Entwicklungsstrategie.
Unternehmen, die sich erstmals intensiver mit dem Management von Obsoleszenz beschäftigen, gibt Mößinger einen pragmatischen Rat: Die notwendigen Kosten sollten von Anfang an eingeplant werden. Unabhängig davon, ob die Lösung in Langzeitlagerung, Redesign oder Last-Time-Buys besteht, entstehen zusätzliche Kosten. Diese anzuerkennen und entsprechend zu budgetieren, ist die Voraussetzung für alle weiteren Maßnahmen.
Gunter Mößinger wird am 17. September auf der Evertiq Expo in Göteborg sprechen. In seinem Vortrag „Managing semiconductor obsolescence: storage, ageing, and long-term reliability“ beschäftigt er sich mit Obsoleszenzmanagement, Lagerung, Alterung und langfristiger Zuverlässigkeit von Halbleitern.





