Microsoft zieht sich in China zurück – KI-Geschäft hält Tür offen
Microsoft hat seine Präsenz in China in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Dennoch hält der US-Technologiekonzern an dem Markt fest – unter anderem, um chinesische Unternehmen bei ihren internationalen Aktivitäten mit Cloud- und KI-Diensten zu unterstützen.
Microsoft hat in den vergangenen fünf Jahren mindestens 15 Niederlassungen und Joint Ventures in China geschlossen. Das geht aus Unternehmensunterlagen hervor, die von Reuters ausgewertet wurden. 2023 erwog der Konzern dem Bericht zufolge sogar einen vollständigen Rückzug aus dem chinesischen Markt. Aktuell gebe es jedoch keine entsprechenden Pläne.
Ein wesentlicher Grund für die Neuausrichtung sind die zunehmenden geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China. Gleichzeitig setzt Peking verstärkt auf heimische Softwarelösungen und versucht, die Abhängigkeit von ausländischer Technologie zu reduzieren. US-Exportbeschränkungen für fortschrittliche Technologien erschweren Microsoft zudem den Ausbau seines Cloud- und KI-Geschäfts in China.
Der wirtschaftliche Stellenwert des chinesischen Marktes für Microsoft ist inzwischen vergleichsweise gering. Nach Angaben des Unternehmens entfielen 2024 lediglich rund 1,5 % des weltweiten Umsatzes auf China.
Trotzdem hat Microsoft nach Angaben von Reuters einen wichtigen Geschäftsbereich gefunden: die Unterstützung chinesischer Unternehmen mit internationalem Geschäft. Firmen wie ByteDance und der Modehändler Shein benötigen westliche Cloud-Infrastruktur, um ihre Aktivitäten außerhalb Chinas zu betreiben und regulatorische Anforderungen in anderen Märkten zu erfüllen.
Dabei spielt insbesondere Microsofts Cloud-Plattform Azure eine Rolle. Darüber erhalten chinesische Unternehmenskunden außerdem Zugang zu westlichen KI-Modellen, darunter Lösungen von OpenAI, die ihre Dienste nicht direkt in China anbieten. Bis Mitte der 2020er-Jahre entwickelte sich die Unterstützung chinesischer Unternehmen bei ihrer internationalen Expansion laut Reuters zum größten mit China verbundenen Geschäftsbereich von Microsoft – auch wenn die Umsätze im Vergleich zum globalen Geschäft weiterhin gering sind.
Allerdings steht auch dieses Geschäftsmodell unter Druck. Chinesische KI-Modelle werden zunehmend leistungsfähiger und sind teilweise deutlich günstiger als westliche Alternativen. Unternehmen, die auf heimische Modelle setzen, sind zudem nicht zwingend auf Azure angewiesen.
Neben dem kommerziellen Geschäft ist für Microsoft der Zugang zu chinesischen Fachkräften von Bedeutung. Das Unternehmen betreibt seit den 1990er-Jahren Forschungsaktivitäten in China und hat mit Microsoft Research Asia eine wichtige Rolle beim Aufbau des chinesischen Technologie- und KI-Ökosystems gespielt.
US-Exportkontrollen haben jedoch auch hier Auswirkungen. Chinesische Microsoft-Ingenieure haben teilweise nur eingeschränkten Zugang zu modernsten Chips und KI-Technologien. Microsoft erwog laut Reuters zeitweise die Schließung seines Forschungszentrums, entschied sich jedoch stattdessen dafür, Teile seiner Spitzenforschung und Mitarbeiter in andere Regionen zu verlagern. Microsoft Research Asia eröffnete unter anderem Forschungsstandorte in Vancouver, Singapur und Tokio.
2024 bot Microsoft rund 1.000 hochqualifizierten Ingenieuren einen Wechsel in die USA und drei weitere westliche Länder an. Laut Reuters nahm jedoch nur etwa ein Drittel das Angebot an. Andere Fachkräfte wechselten zu chinesischen Universitäten und Technologieunternehmen.
Damit verfolgt Microsoft in China zunehmend eine Strategie zwischen Rückzug und Präsenz. Während das Unternehmen seine lokale Struktur verkleinert und die geopolitischen Risiken begrenzt, bleiben das internationale Geschäft chinesischer Unternehmen und der Zugang zum chinesischen Talentpool wichtige Gründe, den Markt nicht vollständig zu verlassen.



