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Didrik-PCB
© Confidee
Analysen |

KI-Rechenzentren verschlingen Leiterplatten – Lieferzeiten in China reichen bis 2028

Der Boom bei der KI-Infrastruktur sorgt für eine beispiellose Nachfrage nach Leiterplatten und deren Rohstoffen. In einem Interview mit Evertiq erklärt Didrik Bech, Vorstandsmitglied des Leiterplattenlieferanten Confidee, dass die aktuellen Engpässe das Potenzial haben, die Marktbedingungen in zahlreichen europäischen Industriezweigen grundlegend zu verändern.

Erst wenige Stunden vor dem Gespräch mit Evertiq erhielt Bech die Mitteilung eines der größten chinesischen Leiterplattenhersteller für KI-Anwendungen: Bestellungen, die nicht bis zum 10. Juli eingegangen sind, können erst wieder im Jahr 2028 ausgeliefert werden.

Die Situation erinnert an die Entwicklung auf dem Speichermarkt, über die Evertiq in diesem Jahr bereits mehrfach berichtet hat. Erneut entwickelt sich ein kritischer Bestandteil der Elektronikfertigung zu einem strategischen Engpass, da die KI-Industrie Produktionskapazitäten langfristig reserviert, bevor andere Marktteilnehmer reagieren können. Bech bezeichnet die erste Hälfte des Jahres 2026 als die größte Marktstörung seit dem Platzen der Dotcom-Blase.

Ein einziges KI-Serverrack benötigt Tausende Leiterplatten

Nach Schätzungen von Bech enthält ein typisches KI-Serverrack eine Vielzahl mehrlagiger Leiterplatten, darunter 20- bis 40-lagige PCBs, ergänzt durch zahlreiche einfachere Platinen. Insgesamt kommen dabei bis zu 10.000 Leiterplattenbaugruppen zum Einsatz.

Mit weltweit bereits mehr als 830 fertiggestellten Rechenzentren und rund 1.000 weiteren geplanten Anlagen, von denen einige eine Fläche von etwa 40.000 Quadratmetern umfassen, steigt die Nachfrage nach modernen Leiterplattenmaterialien rasant.

Der eigentliche Engpass liegt laut Bech jedoch deutlich weiter vorne in der Lieferkette – bei einem Bauteil, das oft kaum Beachtung findet: Glasfasergewebe.

„Weltweit gibt es eigentlich nur fünf bis sieben große Hersteller von Glasfasergewebe, und ich glaube nicht, dass deren Kapazitäten frühestens vor Ende 2027 erweitert werden können“, sagt Bech.

Viermal mehr Material – und die Produktion folgt dem Geld

Für moderne Leiterplatten wird nach Angaben von Bech rund viermal mehr Rohmaterial benötigt als für Standard-PCBs. Dadurch sind sie deutlich profitabler, sodass Materialien und Fertigungskapazitäten zunehmend in KI-Projekte fließen – zulasten von Industrie-, Automobil- und Verteidigungsanwendungen, die bei den Margen häufig nicht mithalten können. Die Auswirkungen zeigen sich bereits bei den Preisen.

„Wenn Sie heute eine Bestellung für eine Lieferung im nächsten Jahr aufgeben, erhalten Sie keinen Festpreis mehr. Früher kaufte die Fabrik das Material und kannte die Kosten. Heute erfährt sie den Preis erst, wenn das Material tatsächlich eingetroffen ist. So kann das einfach nicht weitergehen“, erklärt Bech.

Der Vergleich mit der Dotcom-Blase liegt für ihn nahe. Damals wusste kaum jemand, welche Internetunternehmen langfristig erfolgreich sein würden. Ähnlich sei heute noch unklar, welche KI-Unternehmen dauerhaft von den enormen Investitionen profitieren werden. Sicher seien jedoch diejenigen im Vorteil, die die notwendige Infrastruktur liefern.

„Es ist wie beim Goldrausch im Amerika des 19. Jahrhunderts. Reich wurden meist nicht die Goldsucher, sondern diejenigen, die Spitzhacken, Lebensmittel oder Hotelzimmer verkauften. Schauen Sie sich an, wer heute Geld verdient: Taiwan Semiconductor“, sagt Bech.

Bech verweist außerdem auf die öffentliche Skepsis des Investors Michael Burry gegenüber den derzeitigen Investitionen in KI-Kapazitäten – nicht gegenüber KI selbst. Seiner persönlichen Einschätzung nach könnte sich das Wachstum im Laufe des Jahres 2027 verlangsamen. Er betont jedoch, dass es sich dabei um seine eigene Einschätzung auf Grundlage öffentlich verfügbarer Finanzdaten und nicht um eine belastbare Prognose handelt.

Chips Act 2.0 erwähnt Leiterplatten kaum

Die zunehmenden Lieferengpässe verdeutlichen nach Ansicht von Bech auch ein Ungleichgewicht in der europäischen Industriepolitik. Der EU Chips Act 2.0 konzentriere sich weiterhin stark auf Halbleiter, obwohl Leiterplatten, ohne die kein Chip in ein elektronisches Produkt integriert werden könne, im Vorschlag lediglich einmal erwähnt würden.

„Besser als gar nichts“, kommentiert Bech.

Gleichzeitig sei Europas eigene Leiterplattenindustrie in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Heute existieren in Europa nur noch 182 Leiterplattenfabriken, während es in den USA mehr als 300 seien. China stehe inzwischen für nahezu 60 Prozent der weltweiten PCB-Produktion.

Zudem kritisiert Bech die europäischen Importzölle.

„Die EU erhebt nach wie vor Zölle auf importierte Laminate, obwohl wir sie in Europa selbst kaum noch herstellen. Dass diese Zölle nicht einfach abgeschafft werden können, ergibt für mich keinen Sinn.“

Auch bei einem weiteren wichtigen Material sei Europa kaum noch vertreten: Kupferfolie werde innerhalb Europas nur noch von einem einzigen Hersteller in Luxemburg produziert.

Mehr Kunden aus der Verteidigungsindustrie

Confidee, das seit vier Jahren am Markt ist, erzielt inzwischen mehr als 40 Prozent seines Geschäfts mit Kunden aus der Verteidigungsbranche. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Auftragseingang aus diesem Bereich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 119 Prozent. Gleichzeitig gewinnt das Unternehmen nach eigenen Angaben jeden Monat ein bis vier neue Verteidigungskunden.

Bech geht jedoch davon aus, dass der eigentliche Ausbau der europäischen Verteidigungsindustrie erst ab dem zweiten Quartal 2027 deutlich an Dynamik gewinnen wird.

„Dieser Teil der Herausforderung liegt noch vor uns und nicht hinter uns.“

Heute stammen rund 40 Prozent des Geschäfts von Confidee außerhalb Chinas. Gemessen an der Anzahl der Fabriken befinden sich zudem nahezu 70 Prozent der qualifizierten Fertigungspartner außerhalb des Landes. Auch die beiden jüngsten langfristigen Fertigungsvereinbarungen wurden mit Produktionsstandorten außerhalb Chinas geschlossen.

Dennoch hält Bech die tatsächliche Diversifizierung der Lieferketten für deutlich geringer, als häufig behauptet wird.

„Seit sechs oder sieben Jahren höre ich, dass Unternehmen ihre Produktion aus China verlagern wollen. Es wird viel darüber gesprochen, aber in der Realität passiert deutlich weniger. Selbst Fabriken, die nach Thailand umgezogen sind, beziehen ihre Rohstoffe oft weiterhin aus China.“

Nach Ansicht von Bech hängt der Wiederaufbau einer wettbewerbsfähigen europäischen Fertigungsbasis letztlich von einer zentralen Voraussetzung ab: Die Politik müsse stärker mit der Industrie in den Dialog treten, deren Wiederaufbau sie selbst anstrebe.


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