Es ist schlimmer geworden – und der Speichermarkt ist noch lange nicht am Ende
Vor zwei Monaten ließ Nikolaos Florous auf der Evertiq Expo Zürich kaum Raum für Optimismus. Die angespannte Lage am Speichermarkt werde anhalten, sagte er – und bevor es besser werde, müsse die Situation zunächst noch schwieriger werden.
Auf der Evertiq Expo Berlin lautete die Frage deshalb ganz einfach: Sie haben gesagt, dass es erst schlimmer wird, bevor es besser wird. Nun ist es schlimmer geworden – was ist passiert?
„Die Investitionen in KI-Cloud-Infrastrukturen sind nach wie vor beispiellos“, sagte er. „Sie beschleunigen sich. Sie verlangsamen sich nicht.“
Hyperscaler werden 2026 voraussichtlich 700 Milliarden US-Dollar investieren. Prognosen zufolge könnte diese Summe bis 2028 auf eine Billion US-Dollar steigen. Samsung, SK hynix und Micron konzentrieren sich weiterhin auf die margenstarken Produkte, die diese Nachfrage bedienen – HBM und Through-Silicon Via (TSV). Alle anderen Speicherprodukte stehen weiterhin unter Druck.
Die Entlastung, die keine ist
Ankündigungen zum Ausbau von Produktionskapazitäten gab es in den vergangenen Monaten zwar weiterhin. Micron hat beispielsweise eine Erweiterung der Produktionskapazitäten für DDR4 und LPDDR4 in seinem Werk im US-Bundesstaat Virginia angekündigt. Florous bewertete jedoch die tatsächlichen Auswirkungen dieser Maßnahme zurückhaltend.
„Das wird lediglich einigen ausgewählten Kunden aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Industrie, Verteidigung und Automobil etwas Entlastung verschaffen – und das nur im Rahmen des US-Marktes.“
Gleichzeitig baut der chinesische Speicherhersteller CXMT seine Kapazitäten für DDR4 und LPDDR4 aus – allerdings nicht in einer Weise, die den globalen Markt entlastet. Der Ausbau wird von Chinas Strategie zur technologischen Souveränität im Halbleiterbereich angetrieben und nicht mit dem Ziel, die weltweiten Lieferengpässe zu verringern.
„Im Grunde ändert sich nichts“, sagte Florous. „Die Knappheit nimmt weiter zu. Die Welle der Investitionen in KI-Cloud-Infrastrukturen als überlagernder Superzyklus ist deutlich stärker als das zyklische Verhalten des Speichermarktes.“
Neue Marktteilnehmer, begrenzter Einfluss
Die Frage, ob der strukturelle Wandel neuen Marktteilnehmern Chancen eröffnen könnte, habe Florous bereits mehrfach gehört. Die taiwanischen Hersteller Nanya und Winbond würden zwar Fortschritte machen und könnten Marktanteile gewinnen, während sich die drei großen Speicherhersteller zunehmend auf KI-Produkte konzentrieren.
Der entscheidende Faktor sei jedoch die Produktionskapazität.
„Ihre Kapazitäten reichen nicht aus, um den Kapazitätsrückgang bei Samsung, SK hynix oder Micron auszugleichen.“
Die Nachfrage werde zwar sinken, jedoch nicht schnell genug, um den Angebotsmangel bei älteren Speicherprodukten zu kompensieren. Ein struktureller Engpass bei DDR3 und DDR4 bleibe daher die neue Realität.
Der Markt setzt auf langfristige Vereinbarungen
Eine der bedeutendsten Veränderungen, die Florous beschreibt, ist weniger struktureller als vielmehr verhaltensbedingter Natur. Der Spotmarkt, der Käufern bislang als Ausweichmöglichkeit diente, verliert zunehmend an Bedeutung. Stattdessen gewinnen langfristige Liefervereinbarungen an Gewicht – und zwar nicht nur bei den Hyperscalern.
„Ein großer Teil der Lieferkette verabschiedet sich vom klassischen Spotmarkt und setzt auf langfristige Vereinbarungen“, sagte er.
Auch kleinere Unternehmen und Fabless-Hersteller streben zunehmend Memorandums of Understanding (MoUs) oder Lieferverträge mit Laufzeiten zwischen sechs Monaten und zwei Jahren an.
„Die Kapazitäten sind bereits verkauft oder befinden sich in Verhandlungen, verkauft zu werden.“
Für Einkaufsabteilungen, die weiterhin auf kurzfristige Verfügbarkeit am Spotmarkt setzen, ist dies die deutlichste Warnung: Der Markt teilt sich zunehmend in Unternehmen mit gesicherten Liefermengen und solche ohne entsprechende Vereinbarungen.
Design for Procurement
Der prägnanteste Punkt der Diskussion in Berlin ergab sich nicht aus den Marktdaten, sondern aus einer einzelnen Folie in Florous' Präsentation. Darin forderte er seine Zuhörer auf, die strategische Bedeutung von Speicherbausteinen künftig stärker unter dem Gesichtspunkt des Beschaffungsrisikos zu betrachten.
Seine Botschaft wich deutlich von den üblichen Empfehlungen für den Einkauf ab.
„Ich habe die Unternehmen dazu aufgefordert, künftig nach dem Prinzip Design for Procurement zu entwickeln“, sagte er. „Das bedeutet, dass sie in ihre Gleichung und in ihre CTQs nun auch Lieferkettenresilienz, Flexibilität und Preistrends aufnehmen müssen.“
Die Konsequenz ist erheblich. Aspekte der Lieferkette – die bislang meist erst nach den technischen Entwicklungsentscheidungen berücksichtigt wurden – müssen künftig bereits Bestandteil der Produktspezifikation sein und genauso stark gewichtet werden wie technische Anforderungen.
„Diese Faktoren müssen genauso wichtig berücksichtigt werden wie alle anderen technischen CTQs.“
Die Evertiq Expo Berlin findet das nächste Mal am 17. Juni 2027 statt.


