10 Jahre später – Brexit und die „neue Normalität“
Zehn Jahre nachdem das Vereinigte Königreich für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat, passt sich die EMS- und CEM-Branche noch immer an die Folgen des Brexits an. Viele der damaligen Befürchtungen – etwa Störungen der Lieferketten, Arbeitskräftemangel und regulatorische Hürden – sind eingetreten. Gleichzeitig hat der Brexit jedoch den strukturellen Wandel beschleunigt und Unternehmen dazu veranlasst, ihre Abläufe zu modernisieren.
Ein neu geformter Markt
Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union hat das Geschäftsumfeld für EMS-Anbieter grundlegend verändert. Unternehmen, die Komponenten weltweit beschaffen und Produkte für Kunden in verschiedenen Märkten fertigen, sahen sich plötzlich mit neuen Hürden bei Logistik, Compliance und der Mobilität von Arbeitskräften konfrontiert.
Für Unternehmen, die im britischen EMS-Ökosystem tätig sind oder mit diesem verbunden sind – darunter multinationale Konzerne wie Incap Corporation, NOTE AB, Plexus Corp sowie britische Spezialisten wie TT Electronics und Jaltek Systems – bedeutete die Anpassung häufig Übernahmen, Partnerschaften oder den Aufbau neuer Vertriebsnetzwerke.
Unternehmen mit geografisch breit aufgestellten Fertigungsstandorten konnten sich in der Regel leichter anpassen. Incap betreibt beispielsweise Werke in Europa, Asien, den USA und Großbritannien. Dadurch kann das Unternehmen die Produktion für europäische Kunden innerhalb der EU abwickeln und gleichzeitig seine britischen Standorte für das Inlandsgeschäft nutzen.
Unternehmen mit einem stärker auf Großbritannien konzentrierten Produktionsnetzwerk waren dagegen häufig gezwungen, ihre Logistiknetzwerke neu zu gestalten oder Partnerschaften innerhalb Europas einzugehen, um den Zugang zu den EU-Märkten aufrechtzuerhalten.
Handelshemmnisse und Logistik
Eine der unmittelbarsten Folgen des Brexits war der Anstieg der Bürokratie. Vor dem Brexit konnten elektronische Baugruppen und Komponenten innerhalb des EU-Binnenmarkts frei gehandelt werden. Nach dem Austritt führten Zollanmeldungen, Ursprungsnachweise und neue Logistikprozesse zu Verzögerungen und zusätzlichen Kosten.
Laut Steve Blythe von Jaltek Systems waren die anfänglichen Auswirkungen zwar beherrschbar, aber dennoch erheblich. Sie machten es notwendig, die Logistik- und Vertriebsstrukturen grundlegend zu überdenken.

„Der Handel mit Europa wurde von Anfang an schwieriger“, sagt er. „Zu Beginn gab es Reibungsverluste durch Bürokratie und Zollformalitäten. Wir haben jedoch schnell Lösungen gefunden und hatten das Glück, auf einen loyalen und verständnisvollen Kundenstamm zählen zu können.“
Die Komplexität war für EMS-Unternehmen besonders groß, da hocheffiziente Lieferketten das Herzstück ihres Geschäftsmodells sind. Selbst kurze Verzögerungen an den Grenzen können Produktionspläne unterbrechen oder die Lagerhaltungskosten erhöhen.
Regulatorische Unterschiede
John Harley, Vice President of Business Development beim Elektronikfertiger OSI Electronics UK, sagt, dass die Unternehmen die Probleme weitgehend selbst lösen mussten.
„Es hat eine Weile gedauert, bis wir herausgefunden hatten, wie wir Waren unkompliziert nach Europa bringen können“, sagt er. „Von der Regierung haben wir nur wenig Unterstützung erhalten, deshalb mussten wir selbst Lösungen entwickeln. Mit der Zeit haben wir uns – wie viele andere auch – angepasst. Heute haben wir eigentlich keine Probleme mehr und ich würde sagen, dass der Ablauf inzwischen wieder genauso reibungslos funktioniert wie vor dem Brexit.“
Eine weitere Herausforderung war die zunehmende regulatorische Divergenz zwischen Großbritannien und der EU, insbesondere der Übergang von der CE-Kennzeichnung zum britischen UKCA-Zertifizierungssystem. Elektronikprodukte, die in beiden Märkten verkauft werden, benötigen heute teilweise eine doppelte Zertifizierung, was die Kosten sowie den administrativen Aufwand für Prüfungen, Dokumentation und Compliance erhöht.
Große multinationale Hersteller waren in der Regel besser in der Lage, diese zusätzlichen Kosten zu verkraften, da sie bereits in verschiedenen regulatorischen Systemen tätig sind. Kleinere EMS-Unternehmen spürten die Auswirkungen dagegen häufig deutlich stärker.
Konsolidierung und Partnerschaften
Der Brexit hat außerdem die Konsolidierung innerhalb der EMS-Branche beschleunigt.
Ein bedeutendes Beispiel ist die Übernahme der AWS Electronics Group durch die Incap Corporation. Dadurch kamen Produktionsstandorte in Großbritannien und der Slowakei hinzu. Diese Doppelstruktur verschaffte dem Unternehmen einen strategischen Vorteil: Die Fertigung innerhalb der EU konnte europäische Kunden ohne Zollhemmnisse beliefern, während die britischen Standorte weiterhin den heimischen Markt sowie spezialisierte Anwendungen bedienten.
Die Übernahme spiegelt einen breiteren Trend hin zu geografisch verteilten Fertigungsnetzwerken wider, die geopolitische Risiken reduzieren sollen. Der Brexit war jedoch nur einer der Auslöser dieser Entwicklung; auch die Pandemie und die Halbleiterknappheit machten die Schwachstellen globaler Lieferketten deutlich.
Auch andere Unternehmen gingen strategische Partnerschaften ein. Jaltek kooperierte beispielsweise im Jahr 2023 mit einem slowenischen EMS-Unternehmen, um seine Fertigungskapazitäten auszubauen und Kunden bei Bedarf eine Produktion innerhalb der EU anbieten zu können.
Gleichzeitig konzentrierten sich viele Unternehmen stärker darauf, ihre Beziehungen zu bestehenden Kunden zu festigen. Laut Steve Blythe war dies für Jaltek jedoch schon lange Teil der Unternehmensstrategie.
„Mit einigen unserer Kunden arbeiten wir seit mehr als 20 Jahren zusammen. Diese Nähe, das Vertrauen und die Zusammenarbeit mit ihnen haben wir schon immer gepflegt – sie sind fest in unserer Arbeitsweise verankert.“
Auch Gordon Watling, CEO von Cogent Technology, sieht im Brexit eine Verstärkung des Trends, dass Kunden lokale Lieferanten bevorzugen.
„Man hat gesehen, dass sich Unternehmen wieder auf das konzentrieren, was sie kennen – dort, wo grenzüberschreitender Handel ohne Hürden möglich ist und Geschäfte einfacher abgewickelt werden können“, sagt er.
Watling weist darauf hin, dass viele Kunden, insbesondere im Medizintechnikbereich, bereits zuvor Lieferanten aus ihrer unmittelbaren Umgebung bevorzugten.
„Es gab in Großbritannien keinen neuen Trend nach dem Motto ‚lokal einkaufen‘ – diese Entwicklung war schon vorher vorhanden.“
Arbeitskräftemangel und Automatisierung
Der britische Elektroniksektor stand bereits vor dem Brexit vor einem zunehmenden Fachkräftemangel. Die eingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit verschärfte dieses Problem zusätzlich, da der Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften aus der EU erschwert wurde.
Für EMS-Unternehmen mit Montage- und Teststandorten führte der Mangel an Technikern und Ingenieuren zu steigendem Lohndruck und einem intensiveren Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Viele Unternehmen reagierten mit höheren Investitionen in Automatisierung und moderne Fertigungstechnologien – darunter Robotik, automatisierte Inspektionssysteme und digitale Produktionsüberwachung.
TT Electronics hat beispielsweise die Automatisierung als wichtigen Bestandteil seiner Modernisierungsstrategie hervorgehoben, um die Effizienz zu steigern und die Abhängigkeit von manueller Arbeit zu verringern. Gleichzeitig intensivierten viele Unternehmen ihre Personalgewinnung und bauten ihre Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten aus.
„Da durch den Brexit viele erfahrene Mitarbeiter die Branche verlassen mussten, wurde es für uns noch wichtiger, Fachkräfte selbst auszubilden. Die Schulung unserer Mitarbeiter und die Gewinnung neuer Talente hatten oberste Priorität“, sagt Steve Blythe von Jaltek. „Wir arbeiteten bereits mit Schulen, Colleges und Universitäten zusammen – und diese Arbeit hat sich ausgezahlt.“
Auch OSI Electronics UK verfolgte einen ähnlichen Ansatz.
„Wir haben enge Beziehungen zu Universitäten und Colleges in unserer Region aufgebaut“, sagt John Harley. „In gewisser Weise hat der Brexit also dazu beigetragen, den Fokus auf diese Themen zu lenken.“
Unerwartete Vorteile
Trotz aller Herausforderungen veranlasste der Brexit viele Unternehmen auch dazu, ihre Arbeitsweise zu überdenken und enger mit externen Organisationen zusammenzuarbeiten. Daraus ergaben sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts unerwartete Vorteile.
Jaltek beteiligte sich beispielsweise an der Initiative Sharing in Growth, einem Kooperationsprogramm zur Entwicklung von Führungskompetenzen und zur Verbesserung betrieblicher Prozesse. Darüber hinaus baute das Unternehmen Beziehungen zu Organisationen wie Make UK, STC, JOSCAR, ADS und der Chamber of Commerce auf.
„Durch Sharing in Growth haben wir Führungskräftetrainings im Wert von mehreren tausend Pfund erhalten“, sagt Steve Blythe. „Das Programm hat entscheidend dazu beigetragen, wie wir unser Unternehmen heute führen.“
Gordon Watling, der zuvor beim US-amerikanischen Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungstechnologieunternehmen Mercury Systems tätig war, ist überzeugt, dass der Brexit die Expansion britischer Unternehmen nach Europa zweifellos erschwert hat.
„Wenn ein Unternehmen international oder innerhalb Europas expandieren möchte, macht der Brexit die Sache nur schwieriger“, sagt er. „Da wir uns jedoch überwiegend auf den britischen Markt konzentrieren, waren die Auswirkungen für uns überschaubar. Unsere Kundenbetreuung wurde dadurch nicht eingeschränkt, und auch auf der Beschaffungsseite hatte der Brexit für uns keine gravierenden Folgen.“
Der Wandel hin zur Spezialisierung
Der Brexit hat einen bereits bestehenden strukturellen Wandel innerhalb der britischen EMS-Branche beschleunigt. Anstatt direkt mit kostengünstigeren Fertigungsstandorten in Osteuropa oder Asien zu konkurrieren, konzentrieren sich viele britische Unternehmen zunehmend auf spezialisierte Fertigung mit hoher Wertschöpfung.
Diese Neuausrichtung fokussiert sich auf Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Medizintechnik und industrielle Automatisierung, in denen Ingenieurkompetenz, Zertifizierungen und die enge Zusammenarbeit mit Kunden häufig wichtiger sind als niedrige Produktionskosten.
Die britischen Standorte von Incap legen beispielsweise einen immer stärkeren Schwerpunkt auf Lieferketten für die Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie, in denen Sicherheitszertifizierungen und langfristige Kundenbeziehungen von besonderem Wert sind.
Auch Jaltek Systems konzentriert sich auf komplexe High-Mix-Fertigungsprojekte, die eng in die Entwicklungsprozesse der Kunden eingebunden sind.
„Unser Geschäftsmodell basiert auf zwei Säulen: Entwicklung und Fertigung“, sagt Steve Blythe und betont, dass die Beziehungen des Unternehmens zu seinen europäischen Entwicklungspartnern trotz des Brexits positiv geblieben seien.
Der Trend zu Lokalisierung und Nearshoring hat zudem neue Chancen für Unternehmen geschaffen, die flexible, ingenieursgetriebene Fertigungsdienstleistungen anbieten können.
Für Unternehmen, die überwiegend britische Kunden beliefern, hielten sich die Auswirkungen dagegen in Grenzen.
„Da wir ausschließlich Kunden im Vereinigten Königreich beliefern, haben wir nur sehr geringe Störungen festgestellt“, sagt ein Geschäftsführer aus der Branche. „Wenn überhaupt, hat sich das Geschäft kontinuierlich verbessert.“
Eine neue Wettbewerbslandschaft
Der Brexit hat die britische EMS- und CEM-Branche zwar nicht grundlegend geschwächt, die Wettbewerbsverhältnisse innerhalb der europäischen Elektronikfertigung jedoch nachhaltig verändert.
Osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn und die Tschechische Republik dominieren weiterhin die volumenstarke Elektronikfertigung – vor allem aufgrund ihrer niedrigeren Lohnkosten und des uneingeschränkten Zugangs zum EU-Binnenmarkt.
„Wenn man keine eigenen Produktionsstätten in Europa oder Osteuropa hat, wird es schwierig“, sagt John Harley von OSI Electronics.
Britische EMS-Anbieter konzentrieren sich unterdessen zunehmend auf spezialisierte, technologie- und ingenieursintensive Fertigung.
Unternehmen wie TT Electronics und Jaltek setzen weiterhin auf moderne Fertigungstechnologien, eine enge Zusammenarbeit mit ihren Kunden und integrierte Entwicklungsdienstleistungen.
Multinationale Unternehmen wie Incap nehmen dabei eine Zwischenposition ein. Dank geografisch diversifizierter Fertigungsnetzwerke können sie regulatorische und logistische Hürden umgehen und gleichzeitig Kunden in mehreren Regionen beliefern.
Letztlich hat der Brexit zwar erhebliche Reibungsverluste für die europäische Elektronikfertigung verursacht, gleichzeitig aber auch den strategischen Wandel beschleunigt.
Multinationale Unternehmen nutzen ihre globalen Fertigungsnetzwerke, um den Marktzugang aufrechtzuerhalten, während sich britische Spezialisten zunehmend auf hochwertige, ingenieursgetriebene Produktion konzentrieren. Strategische Übernahmen und Partnerschaften haben vielen Unternehmen ermöglicht, sowohl auf dem britischen als auch auf dem europäischen Markt weiterhin erfolgreich zu agieren.
In diesem neuen Umfeld hängen Erfolg und Wettbewerbsfähigkeit zunehmend von Flexibilität, Spezialisierung sowie der Fähigkeit ab, Fertigung mit Entwicklung, Engineering und Lieferkettenkompetenz zu verbinden.
Betrachtet man den Brexit gemeinsam mit der Pandemie, geopolitischen Spannungen und den Halbleiterengpässen, lässt er sich als Teil eines Jahrzehnts tiefgreifender Umbrüche verstehen, das die EMS- und CEM-Branche nachhaltig verändert hat – möglicherweise hin zu einer widerstandsfähigeren Industrie als zuvor. In diesem Sinne scheint in der Branche heute ein vorsichtiger Optimismus vorzuherrschen.
Bereits im Jahr 2022 sagte Johan Dahl, Vice President of Sales EMEA bei A2 Global Electronics + Solutions, gegenüber Evertiq:
„Es war der perfekte Sturm – Fusionen und Konsolidierungen der OCMs, der enorme Anstieg der weltweiten Nachfrage, der Brexit, eine globale Pandemie und nun der Krieg in der Ukraine. Erst die Zukunft wird zeigen, was das alles bedeutet.“
Angesichts des Konflikts im Nahen Osten, der die globalen Finanzmärkte belastet, sowie der Bestrebungen der britischen Regierung, sich der Europäischen Union wieder stärker anzunähern, wirken diese Worte heute genauso aktuell wie damals.


