Europa fällt zurück – und ein Plan ist nicht in Sicht
Während der Evertiq Expo Berlin präsentierten Dieter Weiss und Dr. Mareike Haass von in4ma gemeinsam mit Eric Miscoll von EMSNOW Daten aus fünf Jahren, die zeigen, wie Asien Europa beim Wachstum der EMS-Branche zunehmend abhängt. Im anschließenden Gespräch mit Evertiq gingen die drei Experten noch einen Schritt weiter und ordneten die Entwicklungen ein.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Über alle großen Weltregionen hinweg wächst die EMS-Industrie unterschiedlich schnell – und der Abstand zwischen Asien und Europa wird von Jahr zu Jahr größer. Nach Ansicht der Referenten handelt es sich dabei nicht um eine kurzfristige Entwicklung, sondern um einen strukturellen Wandel.
Die zentrale Frage lautete daher: Warum fällt Europa so deutlich zurück?
Europa profitiert kaum vom KI-Boom
Für Dieter Weiss liegt die Ursache auf der Hand. Die Unternehmen, die derzeit das weltweite Wachstum antreiben, sind große internationale OEMs, die Rechenzentren für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz aufbauen. Diese Unternehmen benötigen kostengünstige Fertigungspartner mit ausreichend Kapazität und technologischem Know-how – Voraussetzungen, die viele europäische EMS-Unternehmen derzeit nicht erfüllen.
Die Elektronikarchitektur moderner KI-Rechenzentren sei inzwischen so komplex, dass die benötigten Leiterplatten überwiegend in Taiwan, Südkorea oder China gefertigt werden. Mit den Leiterplatten wandern anschließend auch die Montageaufträge nach Asien.
Die Umsatzzahlen spiegeln diese Entwicklung wider. Taiwan und China vereinen inzwischen 82,7 Prozent der weltweiten EMS- und ODM-Produktion auf sich. Die westlichen Unternehmen stellen zwar die Hälfte der Top-100-Unternehmen, erzielen jedoch lediglich 13,9 Prozent des Gesamtumsatzes. Auf Europa entfallen davon lediglich 2,5 Prozent.
Auch die Wachstumszahlen zwischen 2024 und 2025 verdeutlichen die Dynamik:
- Taiwan (ohne Foxconn) steigerte seinen Umsatz um 85,5 Milliarden US-Dollar (+42,3 Prozent) auf 287,5 Milliarden US-Dollar.
- Foxconn wuchs um 20,3 Prozent beziehungsweise 43,4 Milliarden US-Dollar.
- China und Hongkong legten um 14,8 Milliarden US-Dollar (+12,3 Prozent) zu.
- Nord- und Südamerika steigerten ihren Umsatz um 9,4 Milliarden US-Dollar (+11,2 Prozent) auf 93,6 Milliarden US-Dollar.
- Europa verzeichnete dagegen lediglich ein Plus von 1,1 Milliarden US-Dollar (+5,8 Prozent) und erreichte 20,12 Milliarden US-Dollar.
Eric Miscoll ergänzte, dass die präsentierten Ranglisten nach dem Hauptsitz der Unternehmen erstellt wurden – nicht nach ihren tatsächlichen Produktionsstandorten. Viele US-Unternehmen fertigen heute überwiegend in Asien oder zunehmend auch in Indien.
„Das Bild ist wahrscheinlich sogar noch ernster, wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet“, sagte Miscoll.
Sein Fazit fiel entsprechend deutlich aus:
„Europa leidet darunter, dass es am Ausbau der KI-Infrastruktur in den kommenden drei bis vier Jahren nur begrenzt teilhaben wird. Die USA werden in gewissem Umfang profitieren, aber Asien wird der dominierende Produktionsstandort bleiben.“
Strategien – und das Fehlen einer europäischen Strategie
Weiss verwies auf die Strategien der großen Auftragsfertiger als Beispiel für den Unterschied.
Flex habe angekündigt, sein KI-Geschäft in eine eigenständige Einheit auszugliedern. Foxconn verfüge ebenfalls über eine klar definierte KI-Strategie.
„Diese Unternehmen haben einen Plan und wissen genau, welche Rolle sie in der KI-Wertschöpfungskette einnehmen wollen. Einen solchen Plan sehe ich in Europa nicht. Das bereitet mir die größten Sorgen.“
Miscoll sieht darin auch ein strukturelles Problem Europas.
„Einer der größten Unterschiede zwischen den USA und der EU ist, dass wir in den Vereinigten Staaten eine Regierung haben. In Europa müssen sich 27 Länder mit unterschiedlichen Interessen einigen – das ist nicht immer einfach.“
Regionale Lieferketten – aber die Materialien kommen weiterhin aus Asien
Beim Thema Reshoring zeigte sich Miscoll differenziert. Eine vollständige Rückverlagerung der Produktion hält er für unwahrscheinlich. Stattdessen beobachtet er eine zunehmende Regionalisierung der Lieferketten.
Nord- und Südamerika würden künftig verstärkt den amerikanischen Markt beliefern, wobei Mexiko eine zentrale Rolle spiele. Europa werde stärker für Europa produzieren.
Die grundlegenden Materialien und Komponenten stammen jedoch weiterhin überwiegend aus Asien.
„Letztlich kommen die Materialien nach wie vor aus Asien. Daran wird zwar gearbeitet, aber das wird sich nicht kurzfristig ändern.“
Der Verteidigungsmarkt allein reicht nicht aus
Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte 2026 und das Jahr 2027 äußerten sich beide Experten zurückhaltend optimistisch.
Der Ausbau von KI-Rechenzentren werde nach ihrer Einschätzung noch etwa fünf Jahre anhalten und vor allem asiatischen Unternehmen zugutekommen.
Der Verteidigungssektor wachse zwar auch in Europa deutlich, könne die Schwäche anderer Branchen jedoch nicht ausgleichen.
Historisch machte die Verteidigungsindustrie rund 5 Prozent des europäischen EMS-Marktes aus. Selbst wenn dieser Anteil auf 7 Prozent steigen sollte, reiche dies nicht aus, um die rückläufige Entwicklung im Automobilsektor zu kompensieren. Besonders deutlich zeige sich dies bei chinesischen Zulieferern europäischer Automobilhersteller, deren Umsätze um 16,7 Prozent zurückgegangen seien.
„Natürlich wäre ein Anstieg auf sieben Prozent positiv. Aber das ist nicht der größte Markt“, sagte Weiss.
Miscoll sieht zudem ein weiteres Risiko für die zweite Hälfte des Jahres 2026.
Da immer mehr Leiterplattenkapazitäten in den Ausbau von KI-Rechenzentren fließen, könnten andere Industriezweige Schwierigkeiten bekommen, ausreichend PCBs zu beziehen.
„Das ist ein reales Risiko.“
Gleichzeitig beobachten beide Experten bei vielen EMS-Unternehmen einen vorsichtigen Optimismus für das Jahr 2027. In Gesprächen mit der Branche werde bereits deutlich mehr Zuversicht für das kommende Jahr geäußert als für den Rest des Jahres 2026.
Die nächste Evertiq Expo Berlin findet am 17. Juni 2027 statt.


