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Elektronikproduktion |

Europa hält nur noch 2,5 Prozent eines Marktes, den es selbst mit aufgebaut hat

Neue Daten von in4ma und EMSNOW beziffern den weltweiten EMS- und ODM-Markt für das Jahr 2025 auf 820 Milliarden US-Dollar. Obwohl die größten europäischen EMS-Unternehmen ihre Umsätze steigern konnten, schrumpft Europas Anteil am Weltmarkt weiter.

Die Zahlen wurden am 18. Juni im Rahmen der Evertiq Expo Berlin von Dieter G. Weiss (in4ma) und Eric Miscoll (EMSNOW) vorgestellt. Dr. Mareike Haass (in4ma) ergänzte die Präsentation um eine Analyse des europäischen und DACH-Marktes. Unter dem Titel „Growth Abroad, Stagnation at Home“ basierte die Studie auf Primärdaten aus Unternehmensregistern, Geschäftsberichten sowie vertraulichen Angaben privater Unternehmen.

Ein Markt größer als bisher angenommen

Bereits zu Beginn machten die Referenten deutlich, dass der EMS- und ODM-Markt deutlich größer ist als bisherige Marktstudien vermuten lassen.

Bei der Erstellung ihrer gemeinsamen Top-100-Rangliste fragten Weiss und Miscoll zunächst verschiedene KI-Systeme nach einer Schätzung der Marktgröße. Diese bezifferten den weltweiten Markt für 2025 auf 570 bis 635 Milliarden US-Dollar. Die Umsätze der 100 größten EMS- und ODM-Unternehmen summierten sich jedoch bereits auf 820 Milliarden US-Dollar.

„Sie messen die Realität“, zitierte Weiss die Erklärung der KI für diese Abweichung. Nach Ansicht der Referenten wurden insbesondere private EMS-Unternehmen und ODM-Anbieter in bisherigen Marktanalysen systematisch unterschätzt.

Unter Einbeziehung kleinerer Unternehmen mit weniger als 100 Millionen US-Dollar Umsatz sowie der Eigenfertigung von OEMs schätzt in4ma den adressierbaren Markt für EMS und ODM auf rund 970 Milliarden US-Dollar. Einschließlich der Inhouse-Produktion der OEMs steigt das Marktvolumen sogar auf etwa 2,1 Billionen US-Dollar.

Die Rangliste soll bereits im August oder September aktualisiert werden. Nach der ersten Veröffentlichung wurde noch ein privates US-Unternehmen mit rund 500 Millionen US-Dollar Umsatz identifiziert.

Das Wachstum findet in Asien statt

Taiwan und China vereinen 82,7 Prozent des Umsatzes der weltweiten Top 100 auf sich. Allein Foxconn steht für 31,3 Prozent. Die zehn größten Unternehmen erwirtschaften zusammen 612,6 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 74,7 Prozent des Gesamtumsatzes.

Europa stellt zwar 32 Unternehmen in den Top 100, die USA weitere 18, doch zusammen entfallen auf diese 50 westlichen Unternehmen lediglich 13,9 Prozent des weltweiten Umsatzes.

„Der untere Teil der Rangliste, in dem sich viele europäische Unternehmen befinden, spielt im globalen Markt letztlich keine entscheidende Rolle“, sagte Weiss.

Das Wachstum der größten Unternehmen wird fast ausschließlich durch den Ausbau von Hyperscale-Rechenzentren getragen. ODM-Hersteller wie Wistron, Quanta, Wiwynn, Foxconn, Inventec und andere beliefern direkt Kunden wie AWS, Google, Meta, Microsoft oder Alibaba.

Wistron steigerte seinen Umsatz 2025 um 114,9 Prozent, Wiwynn sogar um 163,9 Prozent.

Diese Unternehmen produzieren jedoch völlig andere Elektronik als die klassische europäische EMS-Industrie.

Moderne KI-Server verwenden Leiterplatten mit 60 bis 80 Lagen. BGA-Gehäuse erreichen inzwischen Größen von 10 bis 13 Zentimetern mit 5.000 bis 7.500 Balls. Aufgrund der Anforderungen an die Signalintegrität reicht herkömmliches FR4-Material nicht mehr aus. Stattdessen werden T-Glass-Laminate sowie hochwertigere Kupferfolien benötigt.

Leiterplattenhersteller, die dieses Segment bedienen, steigerten ihren Umsatz 2025 um mehr als 50 Prozent, während Hersteller für klassische Anwendungen weniger als 10 Prozent Wachstum erzielten.

Warnung vor einer PCB-Knappheit

Während sich die Branche auf Engpässe bei Halbleitern vorbereitet habe, sei eine mögliche Knappheit bei Leiterplatten bislang unterschätzt worden, erklärte Weiss.

„Chips schweben nicht in der Luft. Man braucht auch Leiterplatten.“

Hersteller von Laminaten hätten bereits begonnen, Standard-FR4-Material zu rationieren. Gleichzeitig verlagern immer mehr PCB-Hersteller ihre Kapazitäten in Richtung margenträchtiger KI- und Rechenzentrumsanwendungen.

Hinzu kommt die Entwicklung am Speichermarkt. Laut den präsentierten Gartner-Daten sollen die Umsätze mit Speicherchips im Jahr 2026 um 192,8 Prozent auf 633 Milliarden US-Dollar steigen. Für DRAM werden Preissteigerungen von 125 Prozent, für NAND sogar von 234 Prozent erwartet.

Die verfügbaren Produktionskapazitäten fließen zunehmend in HBM- und DDR5-Speicher, während ältere Speichertechnologien wie DDR2, DDR3 und DDR4 schrittweise auslaufen.

Für europäische EMS-Unternehmen bedeutet dies, dass die heute stark nachgefragten Halbleiter nicht den Produkten entsprechen, die in Europa überwiegend verarbeitet werden. Gleichzeitig konkurrieren die benötigten Leiterplatten mit dem boomenden Rechenzentrumsmarkt um begrenzte Laminatkapazitäten.

Europa stagniert

Eigentlich sollte 2025 das Jahr der Erholung werden. Laut den präsentierten Zahlen blieb diese jedoch aus.

Die Analyse von in4ma umfasst inzwischen 986 europäische EMS-Unternehmen. Davon verzeichneten 743 Unternehmen beziehungsweise 75 Prozent zwischen 2024 und 2025 Umsatzrückgänge. Insgesamt sank der Umsatz der Branche um 4,9 Prozent. Gleichzeitig stellten 35 Unternehmen ihren Betrieb vollständig ein.

Am häufigsten lagen die Umsatzrückgänge zwischen 0 und 5 Prozent, gefolgt von Rückgängen zwischen 5 und 10 Prozent. Selbst wachsende Unternehmen erzielten meist lediglich Zuwächse im Bereich von 0 bis 5 Prozent.

Eine Ausnahme bildeten die nordischen Länder. Sie erreichten ein Umsatzplus von 6,5 Prozent und erwirtschaften inzwischen rund die Hälfte des europäischen EMS-Umsatzes. Dazu beigetragen haben zahlreiche Übernahmen sowie die starke Ausrichtung auf den Verteidigungssektor.

Die baltischen Staaten wuchsen sogar um 12,5 Prozent, was unter anderem auf ihre Rolle als kostengünstige Produktionsstandorte nordischer Unternehmen zurückgeführt wird.

Die DACH-Region bleibt mit 21,5 Prozent zwar der größte europäische EMS-Markt, verzeichnete 2025 jedoch einen Umsatzrückgang von 6,9 Prozent. Zwischen 2023 und 2025 summierten sich die Umsatzeinbußen auf 2,74 Milliarden Euro – mehr als die gesamten EMS-Umsätze Dänemarks, Schwedens, Norwegens und Finnlands im Jahr 2024.

Stellenabbau verlagert sich nach Westeuropa

Auch beim Personal zeigt sich ein Wandel.

Während 2024 vor allem Mittel- und Osteuropa vom Stellenabbau betroffen waren, entfielen 2025 66,3 Prozent der insgesamt 5.502 erfassten Stellenstreichungen auf Westeuropa.

Besonders betroffen waren Deutschland und Frankreich. Auch Österreich und Ungarn verzeichneten deutliche Beschäftigungsrückgänge. In Ungarn wurde Ende 2025 das Werk von Prettl Electronics geschlossen.

Allein in der DACH-Region gingen rund 3.900 Arbeitsplätze verloren.

Nach Schätzung von Haass könnte die tatsächliche Zahl der in Europa weggefallenen EMS-Arbeitsplätze im Jahr 2025 bei rund 11.000 liegen.

Wachstum vor allem durch Übernahmen

Weiss machte deutlich, dass das Wachstum der europäischen EMS-Unternehmen in den vergangenen Jahren überwiegend auf Übernahmen zurückzuführen sei.

Die 72 Prozent Umsatzwachstum, die europäische Unternehmen innerhalb der globalen Top 100 zwischen 2020 und 2025 erzielten, seien größtenteils anorganisch entstanden. Bereits 5,3 Prozent des für 2026 erwarteten Wachstums stammen aus Übernahmen, die zwar 2025 angekündigt, aber erst Anfang 2026 abgeschlossen wurden.

„Wir teilen lediglich denselben Kuchen anders auf – aber wir backen keinen größeren Kuchen“, sagte Haass.

Weiss ergänzte, dass selbst Unternehmen mit 100 bis 200 Millionen Euro Umsatz im globalen Wettbewerb inzwischen zu klein seien. Zwar gebe es weiterhin Platz für spezialisierte Anbieter mit Umsätzen zwischen 5 und 20 Millionen Euro, doch der Abstand zwischen europäischen Unternehmen und den Marktführern in Asien werde immer größer.

Besonders deutlich sei dies beim Ausbau von KI-Hardware und humanoider Robotik.

„Wir reden, reden, reden. Aber wir handeln nicht. China hat die Geschwindigkeit – wir haben viele Systeme“, sagte Weiss abschließend.

Die nächste Evertiq Expo Berlin findet am 17. Juni 2027 statt.


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