Globaler EMS-Markt wächst 2025 – Europa bleibt außen vor
Nach seiner Keynote auf der Evertiq Expo Zürich sprach in4ma-Gründer und Analyst Dieter Weiss mit Evertiq über die Zahlen hinter dem weltweiten EMS-Wachstum im Jahr 2025 – und darüber, was diese über die Position Europas in der Branche aussagen.
Der globale EMS- und ODM-Markt ist 2025 gewachsen. Ebenso klar sei laut Weiss jedoch, dass praktisch nichts dieses Wachstums in Europa angekommen sei.
Weiss präsentierte in Zürich seine aktuelle Rangliste der weltweit 100 größten EMS- und ODM-Unternehmen. Das Bild sei eindeutig: Die stärksten Wachstumsraten entfielen auf die größten Anbieter mit Umsätzen von über 10 Milliarden US-Dollar. Wistron wuchs um 116 %, Quanta Computer um rund 150 % und YWIN um 120 %. Alle drei profitieren vom Boom bei KI- und Cloud-Rechenzentrumsinfrastruktur.
„Keines dieses Geschäfts kommt aus Europa oder geht nach Europa“, sagte Weiss.
Eine scheinbare Ausnahme war Osteuropa, wo 2024 Wachstum im Zusammenhang mit Rechenzentren registriert wurde. Laut Weiss stellte sich jedoch heraus, dass dieses Wachstum hauptsächlich auf zwei Foxconn-Werke in Ungarn zurückzuführen war, die Rechenzentrumsinfrastruktur für Europa fertigen. „Sonst sieht niemand dieses Wachstum – und genau das ist das Problem“, erklärte er.
Konsolidierung setzt sich fort – Verteidigung gewinnt an Bedeutung
Der europäische EMS-Markt bleibt laut Weiss stark fragmentiert. Er schätzt die Zahl europäischer EMS-Unternehmen auf rund 2.300, davon hätten etwa 1.900 einen Umsatz von weniger als 10 Millionen Euro. In den USA habe die Konsolidierung deutlich früher begonnen und sei schneller verlaufen.
Dieser Prozess setze sich nun in Europa fort. Als Beispiel nennt Weiss Cicor, das sich öffentlich ein Umsatzziel von 1 Milliarde Schweizer Franken bis 2028 gesetzt hat. Die geplante Übernahme von TT Electronics kam zwar nicht zustande, dennoch erwartet Weiss weitere Akquisitionen – insbesondere in Großbritannien.
Auch der Verteidigungssektor spiele zunehmend eine Rolle. Die Luft- und Raumfahrtzertifizierung EN 9100 werde derzeit intensiv diskutiert. Allein in Großbritannien besitzen laut Weiss 14 EMS-Unternehmen diese Zertifizierung – potenzielle Übernahmekandidaten für größere Marktteilnehmer.
Gleichzeitig warnt Weiss davor, die kurzfristigen Auswirkungen zu überschätzen. Der Verteidigungsbereich mache aktuell lediglich rund fünf Prozent des europäischen EMS-Marktes aus. Selbst ein Wachstum von 20 % in diesem Segment würde den Anteil lediglich auf sechs Prozent erhöhen.
Asiatisches Kapital statt nur asiatischer Konkurrenz
Die Frage, wer wen übernimmt, sei komplexer geworden. Zwar übernehmen europäische Unternehmen weiterhin andere europäische Anbieter, gleichzeitig komme aber zunehmend Kapital aus Asien nach Europa. Weiss erwartet, dass dieser Trend weiter zunimmt.
Frühere asiatische Investitionswellen konzentrierten sich zunächst auf den Bau neuer Werke für die Automobilindustrie. Unternehmen wie Integrated Microelectronics errichteten Produktionsstätten in Bulgarien, Serbien und Tschechien, während SIIX in Ungarn investierte. Laut Weiss waren die Ergebnisse jedoch enttäuschend. „Automotive ist problematisch“, sagte er und verwies auf ständig steigende Qualitätsanforderungen bei gleichzeitigem Preisdruck.
Die aktuelle Investitionswelle unterscheide sich jedoch deutlich: Statt neue Werke zu bauen, kaufen asiatische Investoren bestehende Unternehmen auf. So gingen unter anderem All Circuits und AsteelFlash in Frankreich bereits in asiatischen Besitz über. Laut Weiss beobachten mehrere Investoren aus Fernost derzeit aktiv europäische Übernahmeziele.
Aufträge steigen – Lieferketten bleiben angespannt
Für 2026 zeigt sich Weiss vorsichtig optimistisch hinsichtlich der Nachfrage. Viele Unternehmen berichteten von einer Verbesserung im ersten Quartal. Entscheidend sei jedoch nicht nur, Aufträge zu haben, sondern diese auch tatsächlich erfüllen zu können.
Dabei treffen aktuell zwei große Engpässe gleichzeitig aufeinander: Halbleiter und Leiterplatten. Sowohl bei Speicher- als auch bei Logikchips verknappen sich die Kapazitäten zunehmend. Teile der Produktion für 2026 seien bereits ausverkauft, teilweise sogar Kapazitäten für 2027. Hinzu komme der Auslauf von DDR4-Produkten, wodurch Angebot und Nachfrage nicht mehr zusammenpassen.
Auch im PCB-Bereich verschärft sich die Situation. Laminatpreise seien bereits um 15 bis 20 % gestiegen, während asiatische Hersteller ihre Kapazitäten verstärkt auf margenstärkere Rechenzentrums-Leiterplatten umstellen. Dadurch sinke die Verfügbarkeit standardisierter PCBs und die Lieferzeiten verlängerten sich.
„Die Frage für die EMS-Industrie lautet: Selbst wenn ich die Aufträge habe – habe ich auch die Halbleiter und die Leiterplatten dafür?“, sagte Weiss.
Besonders schwer wiegt vor diesem Hintergrund die Ankündigung von Avnet, den Standort München mit 350 Arbeitsplätzen zu schließen. Als Grund nannte das Unternehmen die fehlende Erwartung einer Erholung des deutschen Marktes.
Deutschland ist weiterhin der größte Elektronikproduktionsmarkt Europas. Laut Weiss sei der Produktionswert jedoch innerhalb von zwei Jahren von über 10 Milliarden Euro auf rund 8 Milliarden Euro gesunken.
„Ich denke, der Markt wird sich stabilisieren, aber ich sehe keinen großen Aufschwung“, sagte er.
Dieter Weiss wird am 18. Juni erneut auf der Bühne der Evertiq Expo sprechen – diesmal in Berlin gemeinsam mit Eric Miscoll von EMSNOW. Dort präsentieren sie den Vortrag „Diverging paths: how Europe fell behind in the global EMS industry“.





