Speicher ist keine Commodity mehr – die Branche hat den Wandel noch nicht vollständig verstanden
Nikolaos Florous von Memphis Electronic präsentierte auf der Evertiq Expo Zürich einen datengetriebenen und stellenweise ungewöhnlich direkten Überblick über den globalen Speichermarkt. Seine zentrale Botschaft war deutlich: Die Regeln haben sich grundlegend verändert – doch große Teile der Industrie agieren noch immer nach alten Mustern.
Bereits die Einstiegszahlen machten die Dimension der Entwicklung deutlich. Die globale Halbleiterindustrie, deren Marktvolumen ursprünglich erst bis 2030 auf eine Billion US-Dollar geschätzt wurde, steuert laut Florous bereits 2026 auf 1,2 Billionen US-Dollar zu. Der Speicherbereich allein soll davon 30 bis 35 % ausmachen.
Florous, Semiconductor & Electronics Expert sowie Global Product Marketing Director bei Memphis Electronic, betonte jedoch, dass nicht alle Marktteilnehmer gleichermaßen von diesem Wachstum profitieren. Die Ökonomie rund um KI habe die Spielregeln des Speichermarkts fundamental verändert.
Vom Wettbewerbsmarkt zum Oligopol
Zur Einordnung blickte Florous zurück in die 1990er-Jahre, als noch mehr als 20 Unternehmen – überwiegend aus Japan – DRAM produzierten. Heute dominieren nur noch Samsung, SK Hynix und Micron den Markt. Mit CXMT ist zwar ein weiterer chinesischer Anbieter hinzugekommen, dessen Marktanteil bleibt bislang jedoch begrenzt.
„Aus einem Markt mit perfektem Wettbewerb wurde ein Oligopol“, sagte Florous. „Und ein Oligopol ist von hoher Volatilität geprägt.“
Diese Volatilität sei nicht zyklisch, sondern strukturell bedingt. Eine moderne DRAM-Fertigungslinie koste heute rund 14 Milliarden US-Dollar und benötige bis zu fünf Jahre, um voll produktionsfähig zu werden. Zum Vergleich: Der Bau des Burj Khalifa kostete rund zwei Milliarden US-Dollar, die deutsche Autobahn A7 etwa sechs Milliarden US-Dollar.
„Wie viele Unternehmen können es sich leisten, 14 Milliarden Dollar zu investieren – und wie lange dauert es, bis sich diese Investition amortisiert?“, fragte Florous.
Wie eine kleine Entscheidung eine Kettenreaktion auslöste
Besonders relevant war Florous’ Analyse der aktuellen Lieferkettenprobleme.
Als Samsung, SK Hynix und Micron das Ende von DDR4 ankündigten, wurden die entsprechenden Fertigungskapazitäten schnell auf HBM (High Bandwidth Memory) umgestellt – jene Speichertechnologie, die heute für KI-Infrastruktur benötigt wird.
Dadurch gerieten jedoch auch die Kapazitäten der OSAT-Dienstleister (Outsourced Semiconductor Assembly and Test) unter Druck, auf die kleinere Speicheranbieter angewiesen sind.
„Die OSAT-Kapazitäten sind bereits ausverkauft“, erklärte Florous. „Die großen Hyperscaler beanspruchen die Ressourcen, während kleinere Anbieter kaum noch Erweiterungsmöglichkeiten bekommen.“
Die Folgen seien weitreichend: Engpässe bei PCB-Materialien, längere Lieferzeiten und eingeschränkter Zugang zu Foundry-Kapazitäten für fabless Hersteller. Aus einer scheinbar normalen Produktumstellung entwickelte sich eine Belastung für das gesamte Speicherökosystem.
Keine Entspannung vor 2027
Beim Ausblick auf Angebot und Nachfrage ließ Florous wenig Raum für Optimismus. Bereits 2025 sei der Markt mit einem Defizit von minus 9 % klar in den Bereich kritischer Knappheit gerutscht.
Als „goldenen Bereich“ bezeichnete er eine Marktunterdeckung von lediglich minus 1 bis 1,5 %, die stabile Preise ermögliche, ohne Kunden massiv zu belasten.
„Alles darunter ist bereits kritisch“, so Florous.
2026 werde sich die Situation zwar leicht auf etwa minus 4 % verbessern, eine echte Normalisierung erwartet er jedoch frühestens Ende 2027 oder Anfang 2028 – wenn neue Fertigungskapazitäten aus den Investitionszyklen von 2022 vollständig verfügbar sind.
Bereits heute zeigt sich die Situation am DDR4-Spotmarkt deutlich. Seit dem zweiten Quartal 2025 haben sich Spot- und OEM-Vertragspreise stark auseinanderentwickelt. Zwar erwartet Florous ab der zweiten Hälfte 2026 eine gewisse Entspannung, eine Rückkehr zu früheren Preisniveaus schließt er jedoch aus.
„Wir sollten nicht erwarten, dass die Preise jemals wieder auf das Niveau von vor zwei oder drei Jahren zurückkehren.“
Der Markt spaltet sich auf
Besonders bedeutend sei die strukturelle Aufteilung des Speichermarkts.
DRAM unterhalb von 8 GB habe sich laut Florous zu sogenanntem „Specialty DRAM“ entwickelt – einem Segment mit langfristiger Nachfrage, begrenztem Angebot und kaum neuen Investitionen. Speicher oberhalb von 16 Gigabit hingegen werde zunehmend von KI- und Rechenzentrumsanwendungen dominiert.
„Die Ära des billigen Speichers ist vorbei“, sagte Florous. „Sie wird nicht zurückkommen.“
Für Einkaufs- und Entwicklungsteams bedeute das einen grundlegenden Strategiewechsel. Langfristige Liefervereinbarungen, Last-Time-Buys und frühzeitige Redesign-Strategien würden zunehmend notwendig.
„Speicher muss zu einem strategischen Thema werden“, so Florous. „Engineering, Einkauf und Vertrieb müssen langfristige Anforderungen bereits zu Beginn der Produktentwicklung berücksichtigen.“
Unternehmen, die diesen Wandel frühzeitig verstehen, könnten sich langfristig Wettbewerbsvorteile sichern. Die aktuellen Engpässe seien weniger eine kurzfristige Krise als vielmehr ein Beschleuniger eines ohnehin unvermeidbaren Strukturwandels.
Nikolaos Florous wird am 18. Juni auf der Evertiq Expo Berlin erneut auftreten und dort den Vortrag „The Global Memory Market Reset“ präsentieren.


