Europa baut ein System ohne physische Grundlage
Europa investiert Milliarden in künstliche Intelligenz, Halbleiter und Rechenzentren. Diese Investitionen sollen die technologische Position der Region stärken und Abhängigkeiten reduzieren. Doch eine zentrale Frage wird immer drängender: Inwieweit baut Europa ein System auf einer Grundlage auf, die physisch gar nicht existiert?
Laut Vytautas Ilgūnas, CCO von TLT PCB, ist die Lücke strukturell.
„Europa investiert in KI-Infrastruktur, aber die physische Grundlage ist unvollständig“, sagt er.
KI läuft auf Hardware. Hardware basiert auf hochentwickelten Leiterplatten (PCBs). Ohne entsprechende PCB-Fertigung in Europa bleibt die Kontrolle begrenzt. Die Abhängigkeit ist somit kein Randthema, sondern zentral für das gesamte System.
Kontrolle folgt der Produktion
Über Jahre hinweg haben europäische Unternehmen ihre Fertigung nach Asien verlagert. Was einst eine kostengetriebene Entscheidung war, wird zunehmend als strategische Schwachstelle erkannt.
„Es wird strategisch, sobald die Versorgung nicht mehr gesichert ist“, erklärt Ilgūnas. „Es geht nicht mehr um Kosten, sondern um Kontrolle. Wenn die Produktion extern ist, ist auch die Kontrolle extern.“
Die Branche hat bereits erlebt, wie sich Störungen auswirken können: Während der COVID-19-Pandemie gerieten Lieferketten ins Stocken, Lieferzeiten verlängerten sich und ganze Industriezweige wurden ausgebremst.
„Ein verantwortungsvoller Ansatz bedeutet, vor der nächsten Störung zu handeln – nicht danach.“
Die Konsequenz liegt auf der Hand: Produktion muss lokal stattfinden – nicht auf einem anderen Kontinent.
Integration wird zur Voraussetzung
Als Reaktion darauf verfolgt TLT PCB ein neues Modell.
Das Unternehmen entwickelt einen vertikal integrierten Fertigungscluster, der PCB-, Elektronik- und mechanische Kompetenzen in einem Ökosystem vereint. Ziel ist es, Fragmentierung zu reduzieren und die Kontrolle über komplexe Systeme zurückzugewinnen.
„Wir bauen einen integrierten Fertigungsverbund auf, der PCB-, Elektronik- und mechanische Fähigkeiten kombiniert“, sagt Ilgūnas. „Für fortschrittliche Technologien wird dieses Maß an Integration zur Voraussetzung – nicht zur Option.“
Dieser Ansatz spiegelt einen grundlegenden Wandel in Europa wider: weg von reiner Kostenoptimierung, hin zu Kontrolle, Resilienz und systemischer Kompetenz.
Keine KI-Souveränität ohne PCB-Fertigung
Debatten über technologische Souveränität in Europa konzentrieren sich häufig auf Halbleiter und Software. Die Rolle von Leiterplatten ist weniger sichtbar – aber entscheidend.
„PCBs sind die Plattform, die alles miteinander verbindet. Ohne sie werden Chips nicht zu funktionierenden Systemen.“
Ohne eigene PCB-Fertigung bleibt technologische Souveränität unvollständig.
Um diese Lücke zu schließen, investiert TLT PCB in eine 33.000 Quadratmeter große Produktionsanlage für hochentwickelte Leiterplatten in Europa. Ziel ist es, verloren gegangene Fertigungskapazitäten wieder aufzubauen.
Zeit als kritischer Faktor
Die Herausforderung liegt nicht nur im Kapital, sondern vor allem im Timing.
„Nicht viel“, antwortet Ilgūnas auf die Frage, wie viel Zeit Europa noch bleibt.
„Der Aufbau fortschrittlicher Fertigung dauert Jahre – von der Entwicklung über die Stabilisierung bis zur Skalierung. Einmal verlorene Fähigkeiten lassen sich nur schwer wiederherstellen.“
TLT PCB habe daher früh gehandelt.
„Wir haben früh begonnen, weil es zu spät ist, sobald der Bedarf offensichtlich wird.“
Vor diesem Hintergrund werden die heutigen Entscheidungen darüber bestimmen, wer die Technologien von morgen kontrolliert.
„Wer sich heute Produktionskapazitäten sichert, kontrolliert die Technologien von morgen“, so Ilgūnas abschließend.
Auf der Evertiq Expo Lund am 21. Mai wird Vytautas Ilgūnas diese Themen in seinem Vortrag „AI needs hardware: rebuilding advanced PCB manufacturing“ weiter vertiefen. Die Anmeldung ist bereits geöffnet.




