Fraunhofer-Umfrage: Autobranche beim Kurs zur E-Mobilität gespalten
Die Debatte über Verbrenner-Aus und CO₂-Flottengrenzwerte spaltet die deutsche Autobranche. Zu diesem Ergebnis kommt eine Unternehmensbefragung des deutschen Forschungsinstituts Fraunhofer ISI. Die am 5. Mai veröffentlichten Ergebnisse zeigen, wie eng industriepolitische Vorgaben inzwischen mit Investitionen in neue Fahrzeugtechnologien verknüpft sind: Unternehmen mit Vorsprung bei der Elektrifizierung wollen verlässliche Regeln, Firmen am Anfang der Neuausrichtung wünschen eher ein langsameres Tempo.
E-Mobilität in vielen Unternehmen angekommen
Die Befragung zeichnet eine Branche, in der der elektrische Antrieb für viele Unternehmen bereits Teil der strategischen Ausrichtung ist. Gut ein Fünftel der befragten Firmen sieht das eigene Geschäft vollständig auf Elektromobilität ausgerichtet, knapp 40 Prozent ordnen sich als weit fortgeschritten ein. Rund ein Viertel befindet sich noch am Beginn der Neuausrichtung. Jeder achte Betrieb hat bisher keinen Umbau in diese Richtung vollzogen.
Auch die Innovationsarbeit zeigt, wohin sich die Branche orientiert. Gut drei von vier Unternehmen haben in den vergangenen drei Jahren entsprechende Aktivitäten gemeldet, vor allem bei Elektromobilität und Digitalisierung. Ein Teil der Branche hält dabei weiter am Verbrenner fest: Gut ein Drittel der innovativen Unternehmen arbeitete auch an dieser Technologie.
Bei den politischen Prioritäten liegen Forschung, Bildung und Innovation vorn; dafür sprechen sich über 80 Prozent der Befragten aus. Ebenso hoch ist die Zustimmung zu niedrigeren Strompreisen für Wirtschaft und private Haushalte. Gelockerte CO₂-Flottengrenzwerte schneiden dagegen schwach ab: Rund drei Fünftel der Unternehmen stehen dieser Option skeptisch gegenüber. Über 80 Prozent wünschen flankierende Maßnahmen für den Umbau der Automobilindustrie.
Vorreiter setzen auf Verbrenner-Aus, Nachzügler auf mehr Spielraum
Die Haltung zum politischen Kurs verläuft entlang des bisherigen Elektrifizierungsstands. Unternehmen mit weit fortgeschrittenem E-Mobilitätsgeschäft stehen besonders häufig hinter dem EU-weiten Verbrenner-Aus ab 2035 und lehnen gelockerte CO₂-Flottengrenzwerte für Neuwagen klar ab. Firmen am Anfang der Neuausrichtung wünschen dagegen eher ein langsameres Tempo.
Policy Brief: Bestehender E-Mobilitätskurs soll frühe Investoren stützen
In einem Policy Brief leitet das Forschungsteam aus der Umfrage konkrete Empfehlungen ab: Bestehende Ausstiegsvorgaben sollten demnach nicht abgeschwächt werden, da dies Unternehmen treffen würde, die früh und umfangreich in Elektromobilität investiert haben. Statt weiterer Korrekturen empfehlen die Autorinnen und Autoren einen stabilen politischen Rahmen, stärkere Impulse für die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und verlässliche Bedingungen für Investitionen entlang der Wertschöpfungskette. Für die Elektronikindustrie hat das Gewicht: Elektromobilität und Digitalisierung treiben den Bedarf an Leistungselektronik, Sensorik, Leiterplatten, Steuergeräten und Ladeinfrastruktur.
Prof. Dr. Karoline Rogge, Professorin an der Universität Sussex sowie stellvertretende Leiterin der Abteilung Politik und Gesellschaft am Fraunhofer ISI, erklärte: „Unsere Ergebnisse zeigen: Ein Zickzackkurs schwächt Planungssicherheit und die deutsche Innovationsstärke in Zukunftstechnologien. Nur mit glaubwürdiger und verlässlicher politischer Unterstützung kann die Transformation der deutschen Automobilindustrie gelingen.“
74 Interviews in der Autobranche
Die Befragung stützt sich auf 74 Telefon- und Online-Interviews mit Führungskräften von Fahrzeugherstellern, Zulieferern und weiteren Unternehmen aus dem automobilen Ökosystem. Die Gespräche fanden von August bis November 2025 statt. Rund zwei Drittel der befragten Firmen sind Zulieferer. Damit bildet die Untersuchung jenen Teil der Branche ab, der den Umbau zur Elektromobilität in Entwicklung, Produktion und Lieferketten praktisch umsetzen muss.




