Wachstumsboom verdeckt strukturelle Spannungen im Halbleitermarkt
Auf der Evertiq Expo Zürich am 23. April 2026 zeichnete Claus Aasholm, Gründer von Semiconductor Business Intelligence, ein differenziertes Bild einer Halbleiterindustrie, die zwar stark wächst – jedoch nicht gleichmäßig. In seiner Keynote und einem anschließenden Gespräch argumentierte Aasholm, dass die beeindruckenden Wachstumszahlen strukturelle Ungleichgewichte entlang der Lieferkette überdecken.
Ein zentrales Problem sieht er im fehlenden Wachstum im Bereich der Materialien – ein grundlegender Engpass für die weitere Entwicklung der Branche.
„Eine der wichtigsten Folien zeigte, dass Materialien nicht wachsen“, sagte er. Zwar habe technologischer Fortschritt bislang ermöglicht, mit weniger Material mehr zu erreichen, doch dieser Ansatz stoße an Grenzen. „Wenn man sich in kurzer Zeit verdoppelt, braucht man eine echte Entwicklung beim Materialeinsatz. Und die findet nicht statt.“
Gleichzeitig erreichen die Preise – insbesondere im Speichermarkt – ein Niveau, das laut Aasholm kaum noch marktlogisch erklärbar ist.
„Wir befinden uns immer noch in einer Blasenphase“, sagte er. „GPUs sind weiterhin teuer, und Speicher entwickelt sich von teuer zu extrem teuer. Bruttomargen von 80 % sind möglich – und könnten noch weiter steigen.“
Kurzfristig profitabel, könnten solche Bedingungen langfristig jedoch die Nachfrage bremsen und Marktverzerrungen verstärken.
Unterschiedliche Zyklen innerhalb der Branche
Nicht alle Segmente entwickeln sich im gleichen Tempo. Aasholm verwies insbesondere auf ICAPS-Bereiche – also IoT, Kommunikation, Automotive, Power und Sensorik – die einem anderen Zyklus folgen als KI-getriebene Märkte.
Trotz vorhandener Kapazitäten und hoher Lagerbestände erhöhen einige Unternehmen in diesen Segmenten ihre Preise. „Das ist unlogisch“, so Aasholm. Der Grund liege weniger in starker Nachfrage als in mangelnder Planungssicherheit. „Sie haben vielleicht Kapazität – aber nicht die richtige Kapazität.“
Parallel dazu verlagern viele Unternehmen ihre strategische Ausrichtung in Richtung KI – nicht aus Notwendigkeit, sondern wegen höherer Margen.
Die Folgen sind bereits sichtbar: In Branchen mit langen Qualifizierungszyklen, etwa Automotive und Industrieelektronik, werden wichtige Komponenten abgekündigt, ohne dass adäquate Alternativen bereitstehen.
„Das bereitet mir die größten Sorgen“, sagte Aasholm.
Risiko einer zu starken Fokussierung auf KI
Ein besonders kritischer Punkt ist die zunehmende Konzentration auf KI-Anwendungen – insbesondere im Speichermarkt.
„Wir sehen das bereits“, sagte Aasholm. „Kunden aus dem PC- und Mobile-Bereich erhalten derzeit ein Drittel weniger als noch vor wenigen Quartalen.“
Kurzfristig sei die Logik klar: Ressourcen in KI verlagern und Margen maximieren. Langfristig stelle sich jedoch die Frage nach der Balance.
„Man muss sicherstellen, dass es weiterhin PCs gibt. Worauf soll KI laufen? Man braucht Geräte, Speicher – und die Preise werden explodieren.“
Europa an einem Wendepunkt
Auch die geopolitische Dimension spielte eine zentrale Rolle. Aasholm sieht eine zunehmende Regionalisierung als strukturellen Trend.
Die USA, Europa und China streben verstärkt nach technologischer Eigenständigkeit. „Wir müssen souveräne Infrastrukturen aufbauen – nicht nur im Bereich KI, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, so Aasholm.
Für Europa sieht er sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Schwächen bestehen insbesondere bei Materialien, Werkzeugen und Produktionskapazitäten. Gleichzeitig könnten sich Chancen in den ICAPS-Segmenten ergeben, da viele Wettbewerber sich auf KI fokussieren.
„Es könnte sein, dass die wichtigsten Produkte künftig in Europa entstehen – weil andere sich davon abwenden.“
Auch Themen wie Nachhaltigkeit könnten sich dabei von regulatorischen Anforderungen zu Wettbewerbsvorteilen entwickeln.
Superzyklus – aber ungleich verteilt
Für 2026 erwartet Aasholm eine Fortsetzung des Halbleiter-Superzyklus – allerdings mit stark ungleicher Verteilung.
„Die Flut hebt fast alle Boote – aber nicht gleichermaßen“, sagte er. Während Speicherhersteller von außergewöhnlich hohen Margen profitieren, sieht er bei Unternehmen wie Nvidia bereits eine Phase stabilen, aber weniger dynamischen Wachstums.
Eine zentrale Frage bleibt, ob die erwartete Nachfrage tatsächlich real ist oder lediglich vorweggenommen wird.
„Es wird vieles auf Basis von Erwartungen gebaut, die noch nicht erfüllt sind“, so Aasholm.
Trotz erwarteter Abschwächung halten sich selbst klassische Märkte stabil. Der Superzyklus setzt sich damit vorerst fort – ob die Branche diese Phase nutzt, um strukturelle Probleme zu lösen, bleibt jedoch offen.
Claus Aasholm wird seine Analyse auf der Evertiq Expo Kraków am 7. Mai sowie auf der Evertiq Expo Lund am 21. Mai weiter vertiefen.




