Konsolidierung im europäischen EMS-Markt nimmt Fahrt auf – Verteidigungsnachfrage prägt Entwicklung
Europäische Anbieter von Elektronikfertigungsdienstleistungen (EMS) treten in eine neue Phase ein, die von zunehmender Konsolidierung, wachsender Verteidigungsnachfrage und steigenden geopolitischen Anforderungen an Lieferketten geprägt ist.
Laut Riku Hynninen, CEO und Gründer von Agame Oy, hat sich die Übernahmeaktivität im europäischen EMS-Sektor deutlich beschleunigt, da Unternehmen nach größerer Skalierung, Marktzugang und geografischer Resilienz streben.
Hynninen, der mehrere börsennotierte EMS-Unternehmen in Europa beobachtet, sieht die Konsolidierungsdynamik auch in strukturellen Besonderheiten des Marktes begründet.
„Sieben europäische EMS-Unternehmen, die ich verfolge, haben im vergangenen Jahr 14 Übernahmen angekündigt“, sagt er. „Der europäische EMS-Markt ist nach wie vor stark fragmentiert, mit mehr als 2.000 kleinen und mittelständischen Anbietern.“
Selbst der größte Akteur der Region, Zollner Elektronik AG, ist im Vergleich zu führenden EMS-Unternehmen in den USA und Asien relativ klein, was weiteres Konsolidierungspotenzial im Sektor schafft.
Neben der Fragmentierung begünstigt auch eine verbesserte Finanzlage die Übernahmeaktivitäten. Nach hohen Lagerbeständen in den Jahren 2023 und 2024 konnten viele EMS-Unternehmen ihr Working Capital reduzieren und ihre Bilanzen stärken.
„Unternehmen haben ein großes Interesse, freies Kapital für Akquisitionen einzusetzen und Mehrwert für ihre Aktionäre zu schaffen“, so Hynninen.
Ein weiterer zentraler Treiber ist die wachsende Bedeutung der Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie. Unternehmen setzen zunehmend auf Zukäufe, um entsprechende Kompetenzen schneller aufzubauen.
„In diesem Segment kann es mehrere Jahre dauern, das Geschäft organisch zu entwickeln“, erklärt Hynninen. „Akquisitionen ermöglichen es, sich schneller in einem stark wachsenden Markt zu positionieren.“
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat der Verteidigungssektor in Europa deutlich an Dynamik gewonnen. Regierungen erhöhen ihre Militärausgaben und stärken nationale Industriekapazitäten.
Während Verteidigungsaufträge vor 2022 für viele EMS-Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle spielten, wächst ihr Anteil nun kontinuierlich.
„Ich schätze, dass der Verteidigungsbereich derzeit rund 10 % ausmacht“, sagt Hynninen. „In den nächsten fünf Jahren könnte dieser Anteil auf etwa 20 % steigen.“
Unternehmen mit bestehender Präsenz in diesem Segment sind besonders gut positioniert. Hynninen nennt Kitron als Beispiel, wo Verteidigung und Luftfahrt bis 2026 mehr als 30 % des Geschäfts ausmachen könnten.
Neben der Verteidigungsnachfrage beeinflussen auch geopolitische Veränderungen die Strategien europäischer EMS-Anbieter. Zunehmende Fragmentierung und veränderte Handelsbedingungen zwingen Unternehmen dazu, ihre globalen Produktionsstrukturen zu überdenken.
Die meisten europäischen EMS-Unternehmen konzentrieren sich weiterhin stark auf regionale Produktion. Nur wenige verfügen über ein globales Fertigungsnetzwerk mit Standorten in Nordamerika, Europa und Asien.
„Die zentrale Strategie besteht darin, kosteneffiziente Resilienz in einem sich ständig verändernden geopolitischen Umfeld zu bieten“, so Hynninen.
Dazu gehört unter anderem der Aufbau von Produktionskapazitäten in Asien außerhalb Chinas oder in den USA, um Handelsrestriktionen und lokale Beschaffungsvorgaben zu erfüllen.
Während der Aufbau neuer Fertigungskapazitäten vergleichsweise einfach ist, stellt die Anpassung der Lieferketten eine größere Herausforderung dar.
„Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, Material- und Komponentenlieferketten abzusichern“, erklärt Hynninen. „Die Branche ist stark kostengetrieben, und teurere Stücklisten zur Verbesserung der Resilienz stoßen nicht immer auf Zustimmung bei den Kunden.“
Zusätzlich erschweren Kapazitätsengpässe die Regionalisierung, da bestimmte Komponenten weiterhin stark auf einzelne Länder konzentriert sind.
Für die kommenden Jahre erwartet Hynninen, dass der Verteidigungssektor der wichtigste strukturelle Wachstumstreiber für europäische EMS-Unternehmen bleibt.
Traditionelle Segmente wie Industrieelektronik, Energie und Medizintechnik verzeichnen derzeit moderates Wachstum, während der europäische Automotive-Sektor schwächer ist und einige EMS-Anbieter ihre Ausrichtung überdenken.
Global beeinflussen auch technologische Trends die Branche. Investitionen in KI-Infrastruktur und Rechenzentren schaffen insbesondere außerhalb Europas neue Wachstumschancen.
Für 2026 sieht Hynninen mehrere entscheidende Indikatoren für die Entwicklung des Marktes. Nach einer Phase intensiver Übernahmen wird sich zeigen, ob diese Transaktionen die erwarteten finanziellen Ergebnisse liefern.
„Es wird interessant sein zu sehen, wie gut Unternehmen den Wert der übernommenen Firmen realisieren können“, sagt er und verweist auf Umsatzwachstum und Profitabilität als zentrale Kennzahlen.
Auch die Entwicklung der traditionellen EMS-Märkte außerhalb des Verteidigungssektors bleibt ein wichtiger Gradmesser für die Branche.
Hynninen wird diese Trends und strategischen Entwicklungen im Rahmen der Evertiq Expo in Tampere am 26. März 2026 näher beleuchten.
Trotz bestehender Unsicherheiten erwartet er ein dynamisches Jahr:
„Unabhängig von der Perspektive wird das Jahr 2026 auf jeden Fall spannend zu verfolgen sein.“

