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Analysen |

Finnlands F&E-Modell und seine Rolle in der Elektronikindustrie

In einer aktuellen Analyse hat Evertiq untersucht, welche Länder die weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung dominieren. Betrachtet man die absoluten Investitionsvolumina, wird das Bild vor allem von den USA und China geprägt, gefolgt von etablierten Industrienationen wie Deutschland, Japan und Frankreich. Richtet man den Blick jedoch weg von diesen globalen Schwergewichten hin zu einer kleineren, stark F&E-intensiven Volkswirtschaft, ergibt sich eine andere Dynamik – eine, in der der Zusammenhang zwischen Forschungsinvestitionen und industrieller Leistungsfähigkeit deutlicher sichtbar wird. Finnland bietet hierfür ein aufschlussreiches Beispiel.

Im Vorfeld der Evertiq Expo Tampere, 26. März 2026

Finnland rangiert in internationalen Innovationsrankings regelmäßig auf den vorderen Plätzen und wird häufig gemeinsam mit seinen nordischen Nachbarn als Teil eines starken regionalen Clusters betrachtet. Ersetzt man jedoch Ranglisten durch einen direkten Vergleich von Kennzahlen, zeigt sich ein differenzierteres Bild – insbesondere relevant für Unternehmen aus den Bereichen Elektronik, Embedded Systems und Advanced Manufacturing.

Finnland im nordischen F&E-Vergleich

Gemessen an der F&E-Intensität gehört Finnland klar zur europäischen Spitzengruppe. Die Bruttoinlandsaufwendungen für Forschung und Entwicklung liegen derzeit bei rund 3,2 % des BIP und damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von etwa 2,3 %. In absoluten Zahlen entspricht dies jährlichen F&E-Ausgaben von knapp 10 Milliarden Euro.

Innerhalb der nordischen Region liegt Schweden mit etwa 3,5–3,6 % des BIP noch etwas höher und erreicht aufgrund seiner größeren Volkswirtschaft und starken Unternehmensforschung mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr. Dänemark bewegt sich auf einem ähnlichen relativen Niveau wie Finnland – knapp über 3 % des BIP, was rund 8 Milliarden Euro entspricht. Norwegen verfolgt hingegen einen anderen Weg: Mit einer F&E-Intensität von etwa 1,5–1,7 % spiegelt sich dort eine Wirtschaftsstruktur wider, die stärker durch Energie- und Rohstoffsektoren geprägt ist als durch breit angelegte industrielle F&E-Systeme.

Der Vergleich zeigt: Finnland ist relativ gesehen wettbewerbsfähig innerhalb der nordischen Länder, unterscheidet sich jedoch in der absoluten Größenordnung. Während Schweden von einer größeren Unternehmensbasis profitiert, ist Finnlands F&E-System kompakter und stärker konzentriert.

Eine forschungsintensive Volkswirtschaft im europäischen Kontext

Über die nordische Region hinaus betrachtet, gehört Finnland zu einer kleinen Gruppe europäischer mittelgroßer Volkswirtschaften mit hoher F&E-Intensität. Vergleichbare Referenzländer sind Belgien und Österreich, die beide seit Jahren F&E-Quoten von über 3 % des BIP ausweisen. Aufgrund ähnlich großer Volkswirtschaften ergeben sich dort jährliche F&E-Ausgaben von etwa 18–19 Milliarden Euro (Belgien) beziehungsweise 14–15 Milliarden Euro (Österreich).

Diese Zahlen verdeutlichen einen wichtigen Punkt: Finnland ist weniger ein nordischer Sonderfall als vielmehr Teil einer europäischen Gruppe kleiner, aber forschungsdichter Volkswirtschaften. Ähnliche Prozentwerte bedeuten jedoch nicht automatisch ähnliche industrielle Strukturen.

Belgiens F&E-System wird stark von Pharma-, Biotech- und Chemieindustrien geprägt, häufig mit großen multinationalen Forschungszentren. Österreich kombiniert fortgeschrittene Fertigung mit einer starken angewandten Ingenieurtradition und einem dichten Netz mittelständischer Industrieunternehmen. Finnlands F&E-Landschaft hingegen weist eine deutlichere Ausrichtung auf IKT, industrielle Elektronik, Sensorik, Leistungselektronik und digitalisierte Fertigung auf. Die Kennzahlen mögen vergleichbar sein, die sektorale Zusammensetzung – und damit die Relevanz für die Elektronik-Wertschöpfungskette – unterscheidet sich jedoch deutlich.

Wer betreibt F&E – und warum das wichtig ist

Ein weiterer struktureller Unterschied liegt darin, wer Forschung und Entwicklung durchführt. In Finnland entfallen rund zwei Drittel der F&E-Ausgaben auf den Unternehmenssektor – ein im europäischen Vergleich hoher Anteil. Das weist darauf hin, dass Forschung eng mit unternehmerischen Technologie-Roadmaps und Produktentwicklungszyklen verknüpft ist, statt primär in akademischen Einrichtungen stattzufinden.

Für die Elektronikindustrie ist diese Struktur besonders relevant. Sie begünstigt anwendungsnahe Entwicklung, Systeminnovation und langfristige Produktplattformen gegenüber rein akademischen Ergebnissen.

Elektroniksegmente mit finnischem Schwerpunkt

Finnlands Elektroniklandschaft ist weniger von großen Konsumgütermarken geprägt als vielmehr von industrieller und professioneller Elektronik. Typisch sind lange Produktlebenszyklen, hohe Zuverlässigkeitsanforderungen und enge ingenieurtechnische Zusammenarbeit.

Ein zentrales Feld sind industrielle und Embedded-Systeme. Finnische Unternehmen sind stark in Steuerungselektronik, robusten Rechnerplattformen und Embedded-Lösungen für Maschinenbau, Energiesysteme und Verkehrsinfrastruktur vertreten. Hier steht nicht der schnelle Produktwechsel im Vordergrund, sondern kontinuierliche Verbesserungen bei Leistung, Sicherheit und Lebenszyklusmanagement.

Ein weiteres wichtiges Segment sind Sensor- und Messtechnologien, etwa für Umweltüberwachung, industrielle Prozesskontrolle und intelligente Infrastrukturen. Unternehmen wie Vaisala zeigen, wie kontinuierliche F&E-Investitionen zur Entwicklung proprietärer Sensorplattformen und datenbasierter Systeme führen, die weltweit eingesetzt werden.

Auch im Bereich Leistungselektronik und energiebezogener Systeme verfügt Finnland über relevante Kompetenzen – unterstützt durch den nordischen Fokus auf Elektrifizierung und Netzmodernisierung. Elektronik für Energieumwandlung, Netzintegration und elektrifizierten Verkehr erfordert zunehmend fortgeschrittene Halbleiter, Steuerungssysteme und hochzuverlässiges PCB-Design.

Auf der vorgelagerten Ebene verstärken spezialisierte Fertigungskapazitäten diese Position. Leiterplattenfertigung bei Aspocomp und Silizium-Waferproduktion bei Okmetic verbinden finnische F&E nicht nur mit Design und Software, sondern auch mit Material- und Hardwarekompetenz. Diese Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung, da Europa die Resilienz seiner Lieferketten neu bewertet.

Nachgelagert bilden EMS-Anbieter wie Scanfil und Incap das Bindeglied zwischen Entwicklung, Industrialisierung und Serienproduktion. Ihre Rolle in anspruchsvollen Branchen wie Medizintechnik, Industrieautomation und Infrastruktur zeigt, wie Finnlands Elektronikökosystem F&E mit zertifizierbaren Endprodukten verbindet.

Insgesamt ist Finnlands Elektronikprofil stark auf Industrial IoT, Sensorik, Leistungselektronik, Steuerungs- und Embedded-Systeme ausgerichtet. Es ist weniger breit, dafür technisch tief spezialisiert – mit Forschung, die eng an industrielle Anwendungen gekoppelt ist.

F&E-Intensität und industrieller Dialog

Diese Struktur prägt auch den industriellen Diskurs: Fragen nach der Skalierbarkeit von F&E-Ergebnissen, der Rolle nationaler Forschungsinfrastruktur für mittelständische Hersteller und der Sicherung spezialisierter europäischer Produktionskapazitäten stehen im Mittelpunkt.

Finnlands Kennzahlen zeigen im Vergleich mit Schweden, Dänemark, Belgien und Österreich, dass hohe F&E-Intensität keine einheitlichen industriellen Ergebnisse garantiert – wohl aber die Voraussetzungen für nachhaltige technologische Tiefe schafft. Genau in diesem Kontext findet die Evertiq Expo Tampere statt: als Treffpunkt für Diskussionen darüber, wie sich Ingenieurkompetenz, Lieferkettenresilienz und angewandte Forschung in marktfähige Systeme übersetzen lassen.

In einem Markt wie Finnland – forschungsintensiv, exportorientiert und industriell geprägt – geht es dabei weniger um abstrakte Innovationspositionierung als um die konkreten Mechanismen, die technologische Tiefe in einsetzbare Elektroniklösungen überführen.


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