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© Liviorki for Evertiq
Analysen |

Venezuelas Rohstoffe: Potenzial ja, Stabilität nein

In den ersten Wochen des Jahres 2026 stand Venezuela wieder auf den Titelseiten – nicht, weil das Land plötzlich stabil geworden wäre, sondern weil Washington begonnen hat, es erneut politisch und wirtschaftlich zu spielen. Auf US-Seite mehrten sich Signale, dass die Bemühungen intensiviert werden, das Kräfteverhältnis in Caracas zu verschieben. De facto bedeutet das den Start eines „Reset“-Szenarios, das Venezuela in Richtung eines neuen Investitionsfensters führen könnte.

Doch jenseits aller politischen Manöver und neuer Karten, die gerade ausgeteilt werden, stellt sich eine nüchterne Frage: Was könnte diese Entwicklung für die Elektronikbranche tatsächlich bedeuten? Ist Venezuela wirklich ein Eldorado?

Sollte dieses Szenario tatsächlich an Tempo gewinnen, wäre das mehr als tagespolitisches Rauschen. Es wäre die Rückkehr einer Frage, die lange verdrängt wurde: Kann Venezuela zu einem realen Bestandteil westlicher Lieferketten werden? Nicht nur der industriellen. Auch derjenigen, die mit Elektronik, Energie und digitaler Infrastruktur verbunden sind.

Und solche Gespräche finden tatsächlich statt. Anfang Januar berief das Weiße Haus ein Treffen mit den CEOs der größten US-Energieunternehmen ein und fragte nach einer möglichen Rückkehr sowie nach Investitionen in Venezuela. Reuters berichtete darüber mehrfach. Es ist also kein ferner Traum, sondern eine konkrete Frage, die bereits im Raum steht: Würde Venezuela im Fall eines politischen Wandels wieder zu einem Ort werden, in den es sich lohnt, Kapital zu bringen?

Genau deshalb gewinnt das Thema Rohstoffe derzeit neue Kraft. Venezuela ist kein Land „eines Rohstoffs“. Neben Öl verfügt es über eine breite Palette an Lagerstätten, die für Industrie und Technologie relevant sind: Bauxit (und damit Aluminium), Eisenerz, Gold sowie Rohstoffe, die heute immer häufiger als „strategisch“ oder „kritisch“ bezeichnet werden, darunter Coltan, potenziell verbunden mit Tantal und Niob. Allein dieses Set würde ausreichen, um Marktinteresse zu wecken – auch in der Elektronikbranche.

Nur: In Venezuela ist Geologie erst das erste Kapitel. Das zweite beginnt dort, wo die Diagramme enden. Dann geht es um Menschen, Macht und darum, wer überhaupt das Recht hat, einen Rohstoff als „legal“ zu bezeichnen.

Rohstoffe sind nicht nur eine Karte, sie sind ein Staat

Venezuela ist ein Land, dessen reale Landkarte der Kontrolle deutlich komplexer ist, als es die offiziellen Strukturen vermuten lassen. Die Financial Times beschrieb im Januar 2026 ein Mosaik aus bewaffneten und paramilitärischen Akteuren, darunter colectivos, staatsnahe Gruppen sowie kriminelle Netzwerke, die die lokale Ordnung mitprägen. Besonders in peripheren Regionen, in denen Rohstoffe eine Quelle von Einkommen, Einfluss und Gewalt sind.

Dieser Kontext ist entscheidend, denn für globale Unternehmen zählt heute nicht nur, ob ein Rohstoff existiert, sondern ob er legal, stabil und reputationssicher beschafft werden kann. Anders gesagt: Lässt er sich in eine Lieferkette integrieren, ohne dass in einem Jahr nicht die Frage nach dem Volumen gestellt wird, sondern nach der Herkunft?

Venezuela auf dem Papier und in der Realität: Produktionsdaten

Reuters erinnerte im Januar 2026 an ein weiteres Paradox: Die tatsächliche Produktion in Venezuela ist heute schlicht klein, gemessen am Potenzial des Landes. Venezuela verfügt über Ressourcen, aber nicht über einen effizienten und verlässlichen Bergbausektor. Und es geht dabei nicht um ein einzelnes Problem, sondern um Jahre der infrastrukturellen Erosion, Kapitalflucht, Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der operativen Leistungsfähigkeit staatlicher Unternehmen und Rahmenbedingungen, die Investoren wirksam abschrecken.

Besonders aufschlussreich sind die Zahlen, die Reuters auf Basis von USGS-Daten anführt: Die Bauxitproduktion lag 2021 bei 250.000 Tonnen (gegenüber 550.000 Tonnen im Jahr 2017). Die Eisenerzförderung betrug 2021 rund 1,41 Mio. Tonnen (gerechnet als Fe content), die Goldproduktion lag bei etwa 480 Kilogramm.

Das sind keine Zahlen, die globale Bedeutung als Lieferland aufbauen. Das sind Zahlen, die die Größenordnung eines „produktionsseitigen Einbruchs“ in einem Land zeigen, das theoretisch eine Rohstoffmacht sein müsste.

Interessanterweise findet sich ein ähnlicher Ton, weniger publizistisch und stärker industriell, auch im USGS Minerals Yearbook 2019. Dort wird betont, dass der venezolanische Bergbausektor durch die Wirtschaftskrise, mangelnde Investitionen und operative Probleme eingeschränkt blieb. Die Produktion vieler Rohstoffe war demnach nicht ausreichend, um stabile Exporte aufzubauen.

Und hier liegt der Kern: Venezuela ist heute kein „Rohstoff-Asset“ im marktwirtschaftlichen Sinne. Es ist ein politisches Asset. Das bedeutet, dass seine Ressourcen ebenso plötzlich wieder ins Spiel kommen können, wie sie genauso schnell wieder daraus verschwinden.

Rohstoff-Überblick: Was kann Venezuela der Elektronikbranche bieten?

Wenn wir den politischen Lärm ausblenden und nur auf die Rohstoffe schauen, zeigt sich schnell: Venezuela hält vier Karten in der Hand, die für die Industrie tatsächlich relevant sind. Bauxit (und damit Aluminium), Eisenerz, Gold sowie kritische Mineralien, darunter Coltan.

  • Bauxit und Aluminium: der „banale“ Werkstoff der Moderne

Aluminium gehört heute zu den Fundamenten der technologischen Welt, auch wenn es in öffentlichen Debatten über „strategische Rohstoffe“ erstaunlich selten auftaucht. Dabei steckt es überall: in Gehäusen, Kühlkörpern, strukturellen Bauteilen der Elektronik. Und im Hintergrund, der diese Welt überhaupt möglich macht, in Energieinfrastruktur, Transport und Rechenzentren.

Theoretisch könnte Venezuela in dieser Liga mitspielen. Praktisch zeigt der Rückgang der Bauxitproduktion, den USGS-Daten (zitiert von Reuters) dokumentieren, dass das Land die Förderung nicht stabil auf industriellem Niveau halten kann. Von 550.000 Tonnen im Jahr 2017 sank die Produktion auf 250.000 Tonnen im Jahr 2021.

Die Schlussfolgerung für die Branche ist ziemlich klar: Venezuela ist derzeit keine Aluminiumquelle, die irgendein globales Angebotsproblem „lösen“ würde. Es ist eher ein Beispiel für ein Land, in dem der Rohstoff zwar vorhanden ist, aber nicht als verlässlicher industrieller Hebel funktioniert.

  • Eisenerz: ein harter Rohstoff, nicht „Hightech“, aber unverzichtbar

Wenn Elektronik das Nervensystem der Zivilisation ist, dann sind Eisen und Stahl ihr Skelett. Sagen wir es offen: Ohne Stahl und Eisen gäbe es keine Werkhallen, Maschinen, Werkzeuge, Übertragungsinfrastruktur, Logistik, Transport oder industrielles Bauen.

Gerade deshalb bleibt Eisen auch dann absolut entscheidend, wenn es nicht nach „kritischem Mineral“ klingt.

USGS-Daten zeigen, dass Venezuela 2021 Eisenerz in der Größenordnung von 1,41 Mio. Tonnen gefördert hat (Fe content, also umgerechnet auf reines Fe, nicht auf die Gesamtmasse des Erzes). Gemessen am Potenzial des Landes ist das ein sehr niedriger Wert. Zum Vergleich: In Schweden, einem der wichtigsten europäischen Produzenten von Eisenerz, meldete der staatliche Konzern LKAB 2021 eine Produktion von rund 26,7 Mio. Tonnen Eisenerz. Das ist eine völlig andere Größenordnung.

Und wieder gilt: Es geht nicht darum, dass „Eisen ausgeht“. Es geht darum, dass Infrastruktur und Staat irgendwann nicht mehr funktionieren. Dann endet das Angebot nicht langsam. Es endet schlicht.

  • Gold: ein Rohstoff, der in Venezuela vor allem eine Währung der Macht ist

In der Elektronik erfüllt Gold seine technologische Rolle. In Venezuela ist jedoch ein anderes Bedeutungsfeld entscheidender: Gold als Mechanismus der Finanzierung und Kontrolle.

Das USGS Minerals Yearbook 2019 enthält einen interessanten Punkt, der die Erzählung von Gold als strategischem Rohstoff gut stützt: Laut Regierung verfügt das Land über 32 zertifizierte Goldlagerstätten.

Dieser Satz wirkt harmlos. Im Kontext Venezuelas ist er es nicht. Denn er suggeriert etwas sehr Konkretes: Der Staat will der Welt zeigen, dass er kein Land des zufälligen Abbaus ist, sondern ein Land von Lagerstätten, die man formal „zählen“ kann. Das Problem ist nur, dass Formalisierung und reale Kontrolle zwei verschiedene Dinge sind.

Bereits 2020 beschrieb CSIS das Ausmaß der Umweltzerstörung und der humanitären Risiken in den südlichen Regionen des Landes, die mit illegalem Bergbau verbunden sind.

Genau hier taucht ein Thema auf, das heute zunehmend zentral wird: das Reputationsrisiko. Für viele Technologieunternehmen ist das Risiko, mit Rohstoffen in Verbindung gebracht zu werden, die aus Gewalt, illegalen Praktiken, Umweltzerstörung oder Menschenrechtsverletzungen stammen, schlicht zu hoch. Selbst wenn der Rohstoff billig wäre, könnten die Einsparungen später einen Preis haben, der deutlich höher ausfällt.

  • Kritische Rohstoffe und der Orinoco Mining Arc

In Debatten über Lieferketten der Elektronik sind Coltan, Tantal oder Niob keine Randthemen. Es sind Schlüsselbegriffe, und zwar aus einem einfachen Grund: Dahinter stehen sehr konkrete industrielle Anwendungen. Tantal ist eines der zentralen Materialien für Kondensatoren, vor allem dort, wo kleine Bauform und hohe Zuverlässigkeit zählen. Niob wiederum ist ein Metall, das für fortschrittliche Legierungen und Werkstoffe in der Industrie wichtig ist. Deshalb taucht Venezuela in Diskussionen immer wieder als potenzielles Element der Diversifizierung von Bezugsquellen auf, besonders in dem Moment, in dem Geopolitik den Markt zwingt, nach Alternativen zu suchen.

Nur: Im Jahr 2026 wirkt der Orinoco Mining Arc (Arco Minero del Orinoco), ein Abbaugebiet im Süden des Landes, nicht wie eine „neue Richtung“. Er wirkt wie eine Warnung.

CSIS wies im Januar 2026 darauf hin, dass die Region in der Praxis als Raum informellen und illegalen Abbaus fungiert, verbunden mit Gewalt und der Aktivität krimineller Netzwerke. In einer solchen Konstellation ist ein Rohstoff nicht mehr nur ein Rohstoff. Er wird Teil einer lokalen Machtökonomie. Und genau hier beginnt das Problem für Technologieunternehmen: Selbst wenn im Boden potenziell strategisches Material liegt, wird sein Eintritt in legale Lieferketten zu einer Frage des rechtlichen, reputativen und vertraglichen Risikos.

Die von Sara Mariella Lambertini im Journal of Illicit Economies and Development (LSE) veröffentlichten Forschungen zeigen diesen Mechanismus noch schärfer. Sie beschreiben die Konsolidierung organisierter Kriminalität in der Region und die Art, wie Netzwerke aus Kontrolle und Gewalt illegalen Bergbau „organisieren“. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch die Global Initiative Against Transnational Organized Crime. Sie beschreibt Orinoko als einen Multi-Crime-Raum, in dem Bergbau keine eigenständige Wirtschaftsbranche ist, sondern ein Knotenpunkt von Gewalt, Korruption, Schmuggel und Finanzierung.

Hinzu kommt etwas, das für Analysten immer ein Warnsignal ist: das Datenproblem. Im Artikel von Jose Rafael Lozada mit dem Titel The Orinoco Mining Arc: a historical perspective wird deutlich, dass es keine stabile, offizielle Statistik gibt, die selbst eine so grundlegende Frage beantworten könnte wie die Zahl der Beschäftigten im Bergbau. Der Autor schreibt, dass mehr als 200.000 Menschen direkt oder indirekt vom Bergbau abhängig seien. Doch schon die Konstruktion dieser Argumentation zeigt das zentrale Problem: Wir bewegen uns im Feld von Schätzungen, nicht in einem transparenten Datensystem.

In der Praxis bedeutet das: kritische Rohstoffe sind in Venezuela heute vor allem ein politisches und narratives Thema und erst in zweiter Linie ein industrielles. Machen wir uns nichts vor, für die Elektronikbranche ist diese Unterscheidung entscheidend. Ein Rohstoff ohne transparente Herkunft und Rückverfolgbarkeit verliert seinen strategischen Charakter. Er wird zu einem Rohstoff, den man in einem Lieferkettenaudit nicht verteidigen kann.

Was bedeutet das für die Branche – und warum ist das Thema ausgerechnet jetzt zurück?

Wenn die USA tatsächlich versuchen, ein neues Kapitel in den Beziehungen zu Venezuela aufzuschlagen, wird der Markt sofort wieder über Rohstoffe sprechen. Das ist nur logisch. Doch für die Elektronikindustrie bedeutet diese Rückkehr des Themas nicht automatisch „neues Angebot“. Sie bedeutet vor allem eines: eine neue Risikovariable.

Erstens wird Venezuela nicht innerhalb kurzer Zeit zu einem stabilen Lieferanten von Materialien, selbst dann nicht, wenn erste Signale einer Investitionsöffnung auftauchen. Selbst das optimistischste Szenario wäre ein Wiederaufbauprojekt, bei dem Infrastruktur, Logistik, Know-how und Institutionen neu aufgebaut werden müssten. Das ist ein Zeithorizont von Jahren, nicht von Quartalen.

Zweitens zählen in modernen Lieferketten Legalität und glaubwürdige Herkunft inzwischen mehr als der Preis. Im Fall des Orinoco liegt das Problem nicht nur darin, was im Boden steckt. Das Problem ist, wer den Boden kontrolliert und damit auch den Fluss von Material, Menschen und Geld.

Drittens gibt es ein Risiko, das heute besonders teuer ist: das Label. In der Elektronik- und Technologiewelt wirkt Reputation wie ein Multiplikator. Ein Rohstoff, der den Schatten von Gewalt, illegalem Abbau oder Menschenrechtsverletzungen mit sich trägt, ist nicht nur ein sensibles Thema. Er ist eine Bedrohung für die Marke, für B2B-Beziehungen und für das gesamte ESG-Narrativ. Venezuela ist, gerade aufgrund der Art, wie der Orinoco Mining Arc beschrieben wird, ein Paradebeispiel für ein Land, in dem Rohstoffe nicht nur Metall sind, sondern auch eine Geschichte, die niemand am eigenen Logo kleben haben will.

Die Pointe liegt nicht darin, wie viele Rohstoffe Venezuela besitzt. Die Pointe liegt darin, was dem Land fehlt.

Venezuela verfügt über Bauxit, Eisenerz und Gold in einem Ausmaß, das theoretisch Kapital anziehen und eine industrielle Hebelwirkung entfalten könnte. Hinzu kommt ein Potenzial bei kritischen Mineralien, das wie eine Einkaufsliste für die Elektronikbranche klingt. Doch Märkte investieren nicht in Lagerstätten. Märkte investieren in Bedingungen.

Venezuelas größtes Defizit ist daher nicht der Mangel an Ressourcen. Es ist der Mangel an Berechenbarkeit, jenem stillen Fundament, ohne das sich kein Land in eine globale Lieferkette integrieren lässt, ganz gleich, wie vielversprechend die Geologie auf dem Papier wirkt. Wenn die US-Maßnahmen tatsächlich eine „neue Venezuela“ auslösen sollen, wird das für die Elektronikindustrie vor allem ein Test sein: Kann man Ressourcen in Angebot verwandeln und Potenzial in etwas, das ein Supply-Chain-Audit übersteht?


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