Wenn Elektronik in die Kunst eindringt
Auf der Art Basel Miami 2025 waren die Hauptattraktionen keine Gemälde, Skulpturen oder Lichtinstallationen. Stattdessen patrouillierte eine Gruppe von Robotern in Hundeform selbstbewusst über das Messegelände — wie die Haustiere moderner Milliardäre. Das wäre kaum ungewöhnlich, gäbe es nicht ein entscheidendes Detail: Jeder dieser Hunde trug eine hyperrealistische Silikonmaske, die die bekanntesten Figuren der Techwelt zeigte. Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Sam Altman erschienen plötzlich in Gestalt von Vierbeinern.
Die Installation trägt den Titel Regular Animals und wurde von Mike Winkelmann, besser bekannt als Beeple, geschaffen. Sein Ziel ist es, zu untersuchen, wie Technologie, Algorithmen und große Medienplattformen beeinflussen, wie wir Bilder sehen, konsumieren und produzieren. Anstelle von Pinsel oder Meißel haben wir es heute mit einer Maschine zu tun, mit einem System, mit künstlicher Intelligenz, gigantischen Datenmengen — und einem wandelnden Subjekt, das buchstäblich Kunst generiert.
Die Roboterhunde fotografieren Besucherinnen und Besucher und „scheiden“ anschließend — kaum zu übersehen — das Endprodukt aus: einen physischen Print, kombiniert mit einem NFT. Beeple mag keine subtilen Botschaften, daher trägt jeder Print eine angenehm technische Bezeichnung: Excrement Sample. Die gesamte Installation bewegt sich zwischen Satire und künstlerischem Manifest. Wer produziert heute eigentlich Bilder? Der Künstler? Die Maschine? Oder doch ein Algorithmus, der einem großen Plattformbetreiber gehört — jemandem, der mehr sieht als jeder Sammler je könnte?
Die Installation funktioniert wie eine mobile Kunstfabrik. Bewegungssensoren, Kameras und generative Software übernehmen die Aufgaben, die früher einem einzigen Künstler gehörten: den Bildausschnitt wählen, beobachten und Realität interpretieren. Der Roboter wird zum Auge, zur Hand und zum Verarbeitungssystem.
Beeple liefert das Konzept. Die hyperrealistischen Masken stammen von Landon Meier, einem bekannten Masken- und Spezialeffektekünstler. Wer die robotischen Körper entwickelt hat, ist offiziell noch nicht bestätigt — ihre Silhouette erinnert jedoch stark an die vierbeinigen Einheiten von Unitree Robotics. Die Zusammenarbeit zwischen Künstler, Maskenbauern, Animatronics-Experten und Ingenieuren zeigt ein neues Produktionsmodell: kollektiv, technologisch anspruchsvoll und vollständig interdisziplinär. Doch eine Frage bleibt: Übersehen wir womöglich die Beiträge jener Menschen oder Unternehmen, ohne die dieses „Kunstwerk“ niemals existieren könnte?
Nicht nur das Objekt des Kunstkonsums verändert sich, sondern auch die Rolle des Künstlers. Früher kauften Sammler Können, Handwerk und die individuelle Geste. Heute erwerben Sammler oft ganze Produktionssysteme: Algorithmen, Prozesse, Datensätze und in manchen Fällen sogar die physische Maschine selbst.
Vielleicht sind die wahren Nachfolger der alten künstlerischen Werkstätten gar keine Künstler mehr, sondern Ingenieure. So wie einst die besten Bildhauer- oder Goldschmiedewerkstätten für einen Meister arbeiteten, erschaffen heute interdisziplinäre Teams die materielle Basis eines Werkes: Konstruktion, Bewegungssteuerung, Sensorik, Bildverarbeitung und Softwareintegration. Beeple entwirft das Konzept — ähnlich wie historische Meister Altäre oder Kapellen entwarfen — doch jemand anderes verleiht diesem Konzept einen materiellen Körper. Die Werkzeuge haben sich verändert: nicht mehr Meißel oder Pigmente, sondern Mikrochips, Code, Aktuatoren und Wärmebildkameras. Und dennoch bleibt die physische Arbeit — auch wenn sie auf viele verteilt ist — zentral. Das Kunstwerk existiert nicht ohne diejenigen, die es gebaut haben.
Eines ist sicher: Beeples Roboterhunde sind weit mehr als eine Installation. Sie sind ein Zeichen der Zeit. Wenn Elektronik nicht länger nur ein Werkzeug ist, sondern selbst zur Kunst wird, muss ein Werk nicht mehr an der Wand hängen. Es kann sich unter Menschen bewegen. Und gelegentlich kommentiert es sie mit einer erschreckenden Präzision.
