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© stefan hermans dreamstime.com Analysen | 27 April 2016

Industrie 4.0: Digitale Transformation der westeuropäischen Industrie

Der Wandel der Industrie hin zu Industrie 4.0 ist mehr als ein reines Technologiethema, denn er wird sowohl die Strategie vieler Unternehmen, als auch die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik stark beeinflussen.
Die Unternehmensberatung Roland Berger stellt deshalb in ihrer neuen Studie "The Industrie 4.0 transition quantified" einen Ansatz vor, der die positiven Effekte des digitalen Wandels sichtbar macht. Schl√ľssel ist die Betrachtung der Kapitalrendite (Return on Capital Employed ‚Äď ROCE) in der verarbeitenden Industrie. Das Ergebnis auf das eingesetzte Kapital zeigt, wie durch Industrie 4.0 Rentabilit√§t und Kapitalnutzung gleichzeitig optimiert werden k√∂nnen und welche Effekte sich dabei f√ľr Unternehmen, L√§nder und Arbeitsmarkt ergeben.

"Industrie 4.0 darf nicht mit Automatisierung verwechselt werden. Denn durch die Automatisierung werden Produktionsprozesse nur durch eine höhere Kapitalbindung effizienter", sagt Thomas Rinn, Partner von Roland Berger und Leiter des globalen Competence Centers Engineered Products & High Tech. "Ein effizienterer Einsatz des Kapitals wird erst durch Industrie 4.0 möglich."

Am Beispiel eines Automobilzulieferers haben die Roland Berger-Experten errechnet, dass durch die Umstellung der Produktion auf Industrie 4.0 der ROCE um 25 Prozentpunkte auf 40 Prozent verbessert werden könnte. Zudem wäre eine Verbesserung der Maschinenauslastung von 65 Prozent auf 90 Prozent möglich.

Um diese positiven Effekte gesamtwirtschaftlich zu nutzen, haben viele L√§nder politische Initiativen angesto√üen, um ihre Fertigungsindustrie auf dem Weg in Richtung Industrie 4.0 zu unterst√ľtzen.

Deutschland: In Deutschland steht die Digitalisierung der Produktion ganz oben auf der politischen Agenda. Denn durch den konsequenten Ausbau von Industrie 4.0 konnte Deutschland als einziges Land weltweit in den vergangenen 15 Jahren seinen ROCE erheblich verbessern. Bei gleichbleibendem Kapitaleinsatz stieg die Kapitalrendite von 12 Prozent im Jahr 2000 auf √ľber 30 Prozent im Jahr 2014.

Frankreich: Franz√∂sische Industrieunternehmen k√§mpfen seit Jahren mit veralteten Maschinenparks, Arbeitsplatzverlusten und sinkender Profitabilit√§t. 2014 gingen die Investitionen im Industriebereich um 40 Milliarden Euro zur√ľck; entsprechend sank der nationale ROCE auf 8 Prozent. Im Jahr 2000 lag er noch bei 20 Prozent. Durch die Digitalisierung der Produktion k√∂nnte daher die franz√∂sische Industrie wieder wachsen; Fertigung, die bisher im Ausland stattfand, k√∂nnte ins Land zur√ľckgeholt werden. Neue Arbeitspl√§tze w√ľrden so entstehen; Industrieunternehmen k√∂nnten wieder zu attraktiven Arbeitergebern werden.

USA: Amerikanische Firmen haben schon vor Jahren ihre Produktionsst√§tten gr√∂√ütenteils in Billiglohnl√§nder wie Mexiko und China verlagert und zwischen 2000 und 2014 √ľber 5 Millionen Arbeitspl√§tze verloren. Im gleichen Zeitraum wurden die Investitionen zwar verdoppelt und durch h√∂here Automatisierung die Gewinne um 54 Prozent gesteigert. Doch wegen ineffizienter Maschinenauslastung hat sich der ROCE nicht verbessert. Mithilfe der Initiative "Advanced Manufacturing Partnership" will nun die amerikanische Regierung dieser Entwicklung entgegenwirken und so wieder wettbewerbsf√§higer werden.

Japan: Japanische Industriefirmen haben zwischen 2010 und 2014 rund 80 Prozent ihrer Gewinne eingeb√ľ√üt und zwei Millionen Jobs verloren. Der starke Yen und die r√ľckl√§ufigen Exporte haben die Deindustrialisierung zus√§tzlich vorangetrieben. Ganz nach dem deutschen Vorbild setzt nun die Regierung auf Industrie 4.0, um den Industriesektor und den Arbeitsmarkt wieder anzukurbeln.

China: Das Land, das f√ľr g√ľnstige Massenprodukte bekannt ist, muss einen Paradigmenwechsel einleiten, wenn seine Industrie international wettbewerbsf√§hig bleiben soll. Denn die sinkende Nachfrage nach Billigprodukten sowie steigende L√∂hne und Energiekosten erschweren das √úberleben vieler chinesischer Industrieunternehmen. Mit der Initiative "Intelligent Manufacturing 2025" unterst√ľtzt deshalb die Regierung die Herstellung hochwertiger Produkte.

Potenzieller Wertbeitrag f√ľr Westeuropa: 420 Milliarden Euro

Die Umstellung der Produktion auf die digitale Fertigung, so die Roland Berger-Experten, h√§tte klare positive Effekte f√ľr Westeuropa. Denn intelligente, digital vernetzte Systeme und Prozessketten binden weniger Kapital und verbessern die Kapitalrendite. So gehen die Experten davon aus, dass der ROCE in Westeuropa durch den verst√§rkten Einsatz von Industrie 4.0 von heute 18 Prozent auf 28 Prozent in 2035 steigen wird. Dies kann zu einem zus√§tzlichen Wertbeitrag von 420 Milliarden Euro durch h√∂here Gewinne und weniger gebundenes Kapital f√ľhren.

"Durch Industrie 4.0 wird sich au√üerdem die Arbeitswelt deutlich ver√§ndern", prognostiziert Roland Berger-Partner Max Blanchet. "Traditionelle Jobs in der Industrie werden verloren gehen, daf√ľr k√∂nnen in Westeuropa bis zu 10 Millionen neue Arbeitspl√§tze entstehen ‚Äď vor allem im Bereich Dienstleistung und IT. Denn die neue Art und Weise, wie zuk√ľnftig produziert und gearbeitet wird, ver√§ndert die Gesch√§ftsmodelle und somit viele Jobprofile."

So sch√§tzen die Roland Berger-Experten, dass alleine im Bereich Dienstleistung und IT rund 7 Millionen Arbeitspl√§tze hinzukommen werden. Denn schlie√ülich ben√∂tigen europ√§ische Firmen gut qualifiziertes Personal, um ihre Entwicklung in Richtung Digitalisierung schnell voranzutreiben. "In Summe ergibt sich ein positiver Effekt: Industrie 4.0 kann mit neuen zus√§tzlichen Arbeitspl√§tzen Jobverluste √ľberkompensieren", fasst Thomas Rinn zusammen.
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2018.12.13 13:08 V11.10.14-1