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© daniel schweinert dreamstime.com Analysen | 13 Mai 2014

Russland hat Erwartungen von Autoherstellern und Zulieferern nicht erfüllt

Russland ist als Markt f√ľr Automobilhersteller nach wie vor interessant, wird aber die fr√ľheren optimistischen Erwartungen der Branche wohl nicht erf√ľllen k√∂nnen.
Im Gegenteil: Die Automotive-Experten von Roland Berger Strategy Consultants prognostizieren in ihrer neuen Marktanalyse "Russia at the crossroads", dass die Zahl der in Russland pro Jahr verkauften Fahrzeuge bis 2020 lediglich auf 3,3 Millionen steigen und somit deutlich unter den fr√ľher erwarteten vier Millionen bleiben wird. Diese ged√§mpfte Erwartung ist nicht nur der aktuellen politischen Krise geschuldet, sondern hat vielmehr tiefere makro√∂konomische und strukturelle Ursachen, wie mangelnde Diversifizierung der Wirtschaft, schwaches Wirtschaftswachstum und fehlende Impulse f√ľr den Markt.

"Vor diesem Hintergrund erwarten wir dieses Jahr einen erneuten R√ľckgang des Marktes um rund sieben Prozent und erst in den n√§chsten zwei bis drei Jahren eine Erholung auf das Niveau von 2012", sagt Uwe Kumm, Managing Partner des Moskauer B√ľros von Roland Berger. "Kurzfristig ist die weitere Entwicklung der politischen Lage ausschlaggebend. Langfristig wird der Markt aller Voraussicht nach wieder stetig wachsen k√∂nnen, allerdings auch dann deutlich langsamer als fr√ľhere Marktstudien prognostiziert haben."

Kumm und seine Kollegen rechnen f√ľr die Jahre 2014 bis 2016 mit einem Wachstum des Automobilabsatzes in Russland um j√§hrlich rund sechs Prozent, was einem Nachholeffekt geschuldet ist, und 2016-2020 um j√§hrlich 3,5 Prozent. "Das ist nach wie vor attraktiv, aber die bisherige Vorhersage von √ľber vier Millionen verkauften Fahrzeugen im Jahr 2020 ist selbst im optimistischen Szenario nicht l√§nger zu halten", sagt Kumm. Er erwartet deswegen eher einen Markt von 3,3 Millionen Fahrzeugen in 2020 und auch das sei angesichts der politischen und makro√∂konomischen Unsicherheiten mit Fragezeichen zu versehen.

Importanteil wird steigen, lokale Produktion abnehmen

Dennoch betonen die Experten von Roland Berger die Wichtigkeit des russischen Automobilmarkts: "Russland ist und bleibt einer der Top-10-M√§rkte mit erheblichem Potenzial", sagt J√ľrgen Reers, Partner im Automotive Competence Center von Roland Berger. "Es wird aber in den n√§chsten Jahren erheblich hinter den bisherigen Erwartungen zur√ľckbleiben und als Produktionsstandort mit angezogener Handbremse, wenn nicht im R√ľckw√§rtsgang unterwegs sein."

Nach den Erkenntnissen der Roland Berger-Experten √§ndert sich neben dem verlangsamten Wachstum auch die Struktur des Markts: Denn im Rahmen von Russlands WTO-Beitritt laufen im Jahr 2018 die Abkommen zur Unterst√ľtzung lokaler Produktion aus. "Dann werden die Vorteile einer Herstellung in Russland verschwinden", sagt Berger-Partner Reers. Hinzu kommen sinkende Importz√∂lle auf Komplettfahrzeuge und eine grunds√§tzlich schlechte Kostenstruktur der russischen Produktionsst√§tten. Der Autoexport aus Russland wird weiterhin eine sehr geringe Rolle spielen, und aufgrund der Spannungen mit der Ukraine wird sogar ein wichtiger Exportmarkt wegbrechen.

"Selbst unter der Annahme gleichbleibender Subventionierung lokaler Produktion w√ľrde so der Importanteil im russischen Automarkt von heute etwa 30 Prozent auf 50 Prozent oder mehr ansteigen", sagt Reers. Von den momentan noch vor Ort hergestellten Fahrzeugmodellen ausl√§ndischer Autobauer k√∂nnten in Zukunft √ľber 40 Prozent nach Russland importiert werden. Besonders Modelle mit j√§hrlichen St√ľckzahlen unter 25.000 seien demnach langfristig in Russland nicht mehr wettbewerbsf√§hig zu produzieren. "Deshalb m√ľssen Automobilhersteller und -zulieferer kurzfristig gegensteuern und ihre Strategie neu ausrichten", sagt Reers.

Negative Folgen f√ľr die gesamte russische Autoindustrie

"Die Mehrheit der russischen Produktionsst√§tten internationaler Autohersteller wird mit europ√§ischen Standorten nicht mithalten k√∂nnen", sagt Juri Wagenleitner, Automotive-Experte bei Roland Berger und Autor der Studie. "Sie sind zu klein, zu unproduktiv und m√ľssen zu viel Wertsch√∂pfung √ľber lange Distanzen transportieren. Angesichts der vorhandenen √úberkapazit√§ten konkurrieren sie zudem gegen variable Kosten der Stammwerke, die in der Regel gleiche Modelle in h√∂heren St√ľckzahlen herstellen."

Die Roland Berger-Experten sehen daher ein erhebliches Risiko, dass bis 2020 viele internationale Hersteller ihre Produktion und lokale Wertsch√∂pfung in Russland gegen√ľber urspr√ľnglichen Planungen deutlich reduzieren k√∂nnten. Dann m√ľsste die gesamte dortige Automobilindustrie mit Einschnitten rechnen: Insbesondere trifft es die Auftragsfertiger, die heute in der Regel Modelle mit kleineren St√ľckzahlen herstellen, aber ebenso russische Hersteller, die auf eine schlagkr√§ftige Zulieferindustrie angewiesen sind. Abbau von Arbeitspl√§tzen, geringere Steuereinnahmen und negativer Einfluss auf eine sowieso angespannte wirtschaftliche Situation w√§ren die Folgen.

"Der russische Staat ist gefordert, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass sich die Produktion in Russland auch k√ľnftig lohnt", sagt Studienautor Wagenleitner. "Es braucht vor allem eine klare und langfristige Strategie f√ľr die Automobilindustrie, die Herstellern und Zulieferern wieder finanzielle Anreize zur lokalen Produktion bietet." Die Roland Berger-Experten sehen die russischen Hersteller in der Pflicht, den Staat hierbei zu unterst√ľtzen und die Aktivit√§ten mit allen anderen Beteiligten zu koordinieren. Bis es so weit ist, sei jeder Marktteilnehmer gut beraten, die eigene Situation zu optimieren und Risiken abzubauen ‚Äď zumal, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen nicht oder nicht rechtzeitig besserten.
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2019.01.17 14:20 V11.11.0-2