Angst vor Eskalation ebnet Weg für Volkswagens historischen Stellenabbau
Volkswagen hat sich auf den größten Konzernumbau seiner 89-jährigen Geschichte geeinigt. Hinter dem Kompromiss standen intensive Verhandlungen zwischen Konzernführung, Arbeitnehmervertretern und dem Land Niedersachsen und die Sorge vor einem jahrelangen internen Machtkampf.
Die Einigung auf den umfassenden Umbau von Volkswagen kam erst nach angespannten Verhandlungen in Wolfsburg zustande. Wie Reuters unter Berufung auf vier mit den Gesprächen vertraute Personen berichtet, verhandelten unter anderem Konzernchef Oliver Blume, Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies über einen Kompromiss. Im Raum standen Stellenstreichungen, die zusammen mit bereits laufenden Maßnahmen insgesamt bis zu 100.000 Arbeitsplätze betreffen könnten.
Volkswagen steht unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Sinkende Margen, Überkapazitäten in Europa, US-Zölle und der zunehmende Wettbewerb durch chinesische Automobilhersteller zwingen den Konzern nach Einschätzung des Managements zu deutlichen Kostensenkungen. Gleichzeitig hatten Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen, der zweitgrößte Volkswagen-Aktionär, weitere Stellenstreichungen und mögliche Werksschließungen abgelehnt.
Die Situation verschärfte sich, als der Vorstand deutlich machte, im Falle einer Blockade durch den Aufsichtsrat eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen zu wollen. Damit hätte das Management versucht, seine Pläne gegen den Widerstand im Aufsichtsrat durchzusetzen. Laut Reuters bezeichneten mit den Gesprächen vertraute Personen diesen Schritt als eine Art „nukleare Option“, da langwierige rechtliche und interne Auseinandersetzungen gedroht hätten.
Gerade die möglichen Folgen einer solchen Eskalation brachten die Beteiligten schließlich näher zusammen. Nach ersten Gesprächen am Dienstag in Hannover erarbeiteten Blume, Lies und Pötsch am Mittwoch die Grundzüge eines Kompromisses. Auch Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Chefin Christiane Benner wurden in die Verhandlungen einbezogen.
Der schließlich gefundene Kompromiss ermöglicht Volkswagen weitere Stellenkürzungen, während Pläne zur rechtlichen Verselbstständigung der Pkw- und Komponentensparten zunächst zurückgestellt wurden. Eine solche Neuordnung hätte unter anderem den Einfluss Niedersachsens innerhalb des Konzerns verändern können.
Die Einigung ist bemerkenswert, da die IG Metall wenige Tage zuvor angekündigt hatte, zusätzliche Stellenstreichungen entschieden bekämpfen zu wollen. Auch Niedersachsen hatte sich gegen den Abbau weiterer 50.000 Arbeitsplätze ausgesprochen. Ein ähnlicher Restrukturierungsvorschlag von Blume war im Juli noch gescheitert.
Am Donnerstag stimmte der Aufsichtsrat schließlich einstimmig für das Transformationsprogramm. Dieses sieht zusätzlich zu bereits laufenden Kürzungen den Abbau von rund 50.000 weiteren Stellen weltweit vor. Damit könnte sich der gesamte Stellenabbau auf etwa 100.000 Arbeitsplätze summieren. Die Nachricht sorgte zunächst für Erleichterung an der Börse und ließ die Volkswagen-Aktie deutlich steigen.
Offen bleibt unterdessen die Zukunft der deutschen Werke in Emden, Zwickau, Neckarsulm und Hannover. Für die Standorte könnten alternative Nutzungsmöglichkeiten oder Verkäufe geprüft werden, wenn dort im kommenden Jahrzehnt die derzeitige Fahrzeugproduktion ausläuft.
Die Zustimmung des Aufsichtsrats beendet den Konflikt allerdings nicht. Die konkrete Umsetzung des Stellenabbaus muss noch mit den Gewerkschaften ausgehandelt werden. Reuters zufolge könnten dabei auch Streiks an deutschen Volkswagen-Standorten drohen. Gleichzeitig bleiben der Wettbewerbsdruck aus China, Überkapazitäten und die Belastung durch Zölle bestehen.




