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Elektronikproduktion | 02 Dezember 2009

Entscheidungskriterien bei der Materialbeistellung: weniger ist oft mehr

EMS-Anbieter haben in den letzten zehn Jahren professionelle Einkaufsorganisationen aufgebaut und weiter optimiert. Wer diesen Service nicht nutzt und Bauteile beistellen will, sollte die Vor- und Nachteile von
Beistellungen fĂŒr jeden Einzelfall genau abwĂ€gen. Denn die Entscheidung, wer was beschafft, hat Konsequenzen.
„Die Entscheidung, wer was wann zu welchen Konditionen liefert, hat großen Einfluss auf den Projekterfolg“, weiß Matthias Holsten, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Plath EFT GmbH in Norderstedt bei Hamburg. Der Elektronikdienstleister Plath EFT mit gut 60 BeschĂ€ftigten beliefert vor allem die Luft- und Raumfahrtindustrie mit elektronischen Baugruppen und Leiterplatten und kann auf umfassende Erfahrungen mit der Materialbeistellung verweisen.

Laut Matthias Holsten ĂŒberwiegt bei den Auftraggebern nach wie vor die Auffassung, durch hauseigenen Einkauf von Bauteilen die Kosten senken zu können. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer sieht deshalb AufklĂ€rungsbedarf: „Der Kostenfaktor fĂŒr die reinen Bauteile wird hier meist zu hoch bewertet. Betrachtet man jedoch die Gesamtkosten, ĂŒberwiegt der interne Aufwand fĂŒr Einkauf, Handling und Lagerung der Bauteile, die Terminkoordination und das Sicherstellen der Nachverfolgbarkeit (Traceability) oft den Kostenvorteil beim Einkauf.“

Splitten der Materialbeschaffung verursacht höchsten Aufwand
Zudem werden Prozesse unnötigerweise redundant bei Auftrageber und -nehmer durchgefĂŒhrt, beispielsweise die WareneingangsprĂŒfung. Herr Holsten fĂŒgt an: „Hinzu kommt die Unsicherheit bei Reklamationen. Wer ist bei Fehlern am fertigen Produkt verantwortlich: Lieferant, Auftraggeber oder Dienstleister?“

Noch aufwĂ€ndiger wird die Beschaffung, wenn sie zwischen Auftraggeber und -nehmer aufgeteilt wird (siehe Infografik). „Die Fixkosten steigen durch den doppelten Beschaffungsprozess, die Koordination wird schwieriger, es besteht stĂ€ndiger Abstimmungsbedarf“, betont Holsten. Der Experte empfiehlt deshalb, die Beschaffung benötigter Komponenten in der Regel dem EMS-Anbieter zu ĂŒberlassen.


Beistellungen – ja oder nein? Die Frage des Handlings von Bauteilkomponenten wird kontrovers diskutiert. Wer hohe kosten vermeiden will, tut gut daran, den Aufwand gering zu halten oder den Service auszulagern. Image mit Zoom-Funktion

Die Norderstedter haben damit gute Erfahrungen gemacht. „Zu unseren Kunden gehören beispielweise einige renommierte Hersteller der Luftfahrtindustrie, die direkt Airbus und Boeing mit elektronischen Komponenten beliefern“, berichtet Matthias Holsten.

„WĂ€hrend sie bei den ersten AuftrĂ€gen noch auf einem Splitting der Beistellungen bestanden, konnten wir sie spĂ€ter davon ĂŒberzeugen, die Beschaffung ganz in unsere HĂ€nde zu geben.“ Resultat laut Holsten: der kundenseitige Aufwand fĂŒr Einkauf, WareneingangsprĂŒfung und Dokumentation entfiel, die Handlingskosten fĂŒr die Bauteile konnten um dreißig Prozent gesenkt werden. Der Experte ergĂ€nzt: „Zudem ist die RĂŒckverfolgbarkeit gesichert, bei Reklamationen ist die ZustĂ€ndigkeit leicht nachzuvollziehen.“

Weg von der Beistellung, hin zum gemeinsamen Handlungskonzept Als weiteren Vorteil nennt Holsten die grĂŒndliche Kenntnis des Dienstleisters im Markt fĂŒr elektronische Bauteile. „Wir sondieren stĂ€ndig den Markt. Bei kurzfristigen ProduktĂ€nderungen oder BauteilabkĂŒndigungen können wir schnell und flexibel reagieren und alternative Bauteile und Lieferanten anbieten.“

Ausnahmen bestĂ€tigen wie immer die Regel. „SelbstverstĂ€ndlich gibt es Projekte, bei denen Beistellungen nach wie vor der bessere Weg sind“, rĂ€umt Matthias Holsten ein. Er nennt Beispiele: „Wenn mehrere Dienstleister eingebunden sind oder der Hersteller allein ĂŒber die StĂŒckzahlen deutlich gĂŒnstigere Konditionen erhĂ€lt, aber auch bei Bauteilen, die der Geheimhaltung unterliegen. Oder wenn externe Dienstleister schlicht keinen Zugriff auf den freien Markt haben.“

So sei es nach Holstens Erfahrung besonders schwer, Auftraggeber von einer externen Beschaffung zu ĂŒberzeugen, die gewohnheitsgemĂ€ĂŸ alle Bauteile komplett als Beistellung liefern. Hier werde bewusst ein höherer Aufwand in Kauf genommen, um das Heft in der Hand zu behalten.

Auftragsfertiger möglichst frĂŒh in Entwicklungsprozess einbinden
Doch egal, wie sich die Beteiligten in Sachen Beistellungen einigen, ein Aspekt liegt EMS-Experte Holsten besonders am Herzen: „Entscheidend ist die frĂŒhzeitige Zusammenarbeit von Hersteller und Dienstleister. Denn wir verstehen uns nicht als reiner BestĂŒcker, sondern eher als Systemintegrator.“

Ziel mĂŒsse sein, weit vor der Beschaffung ein integriertes Handlungskonzept zu implementieren. Holsten: „So lernen wir einerseits frĂŒhzeitig die Anforderungen kennen, können andererseits rechtzeitig VerfĂŒgbarkeiten prĂŒfen und unser Know-how schon in der Entwicklungsphase einbringen. Das beugt möglichen Problemen bei der Fertigung vor.“

Auch fachliche HĂŒrden, die es immer gibt, werden erfahrungsgemĂ€ĂŸ schnell bewĂ€ltigt, wenn man gut aufeinander eingespielt ist. Der Idealfall fĂŒr GeschĂ€ftsfĂŒhrer Holsten: „Wir begleiten ein Projekt vom ersten Entwurf bis zur Serienreife und tragen so zu einer wirtschaftlichen Produktion bei. Denn letztlich ziehen wir am selben Strang, wenn es darum geht, gemeinsam dem Druck des Wettbewerbs erfolgreich zu begegnen.“
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Autor: Rainer Schoppe, GeschĂ€ftsfĂŒhrer beim IMA Institut fĂŒr Markenentwicklung & Kommunikationsberatung GmbH, Hamburg
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