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Elektronikproduktion | 05 Oktober 2009

Beschränkungen für die Lieferkette – real oder eingebildet

Wie "übermäßiges Lernen" und unzureichende Kommunikation die nächste große Krise für die weltweiten Lieferketten schaffen.

2002 habe ich auf einer Konferenz einen Vortrag gehalten – mit einem Titel von dem ich dachte, dass er ziemlich genial sei; oder zumindest so obskur, dass man nicht unbedingt auf den Inhalt des Vortrags schließen könnte. Der Titel des Vortrags war ein Zitat (oder besser gesagt, ein oft falsch verwendetes Zitat) einer Comicfigur namens Pogo. Dieser klagt über die Verwüstungen die der Mensch auf Mutter Erde anrichtet. Der Titel war „Ich habe den Feind gesehen und er ist wir“. Ich dachte in dem Vortrag über ein Problem nach – vielleicht nicht ganz so wichtig wie die Erderwärmung – bei dem Opfer und Täter dennoch dieselben Personen sind. Das Thema meines Vortrags war die massive (und schmerzhafte) Korrektur der Lagerbestände in der Elektronik-Industrie nach dem Platzen der Tech-Bubble im Jahr 2000 und wie die meisten Teilnehmer der Veranstaltung Mitschuld an diesem Problem trugen. Heute – in einem sehr veränderten Geschäftsumfeld (verglichen mit 2000-2001) – schaffen ähnliche Verhaltensmuster einiger Marktteilnehmer ganz neue Probleme für die weltweite Lieferkette. Das Lagerbestandsdebakel des Tech-Wreck neu aufgelegt Nach mehreren Jahren des explosiven Wachstums – angetrieben durch Internet Geschäftsmodelle – hatten sich viele Industriebereiche (wie etwa Netzwerktechnik oder Telekom) davon überzeugt, dass 30% bis 50% Wachstum die neue Norm sei. Mit der stetig wachsenden Nachfrage wurden die Kapazitäten vieler Lieferketten an die Grenzen des Möglichen getrieben. Vorlaufzeiten wurden verändert, Preise erhöht und dann DAS Wort, was in der Elektronikindustrie am meisten gefürchtet und gehasst wird; ich rede hier von … Allokation! Von der Angst getrieben, dass das Umsatzwachstum von der Versorgung mit Komponenten beeinträchtigt sein würde (und die Aktienkurse damit möglicherweise auf ein inakzeptables Niveau – z.B. 100facher Umsatz – fallen sollten), begannen viele OEM-, aber auch EMS-Unternehmen die Aufträge zu erhöhen um einen größeren Anteil an diesen Allokationen zu erhalten. Doppelte Auftragserteilung wurde zum Gemeinplatz; ebenso die Praxis die Materialbedarfsplanung (MRP) mit 'Primärbedarf' zu füllen – ein einfacher Euphemismus für ‚Extra Flash-Speicher für irgendein Produkt das ich vielleicht bauen werde’. Und so nahm der Peitscheneffekt (bullwhip effect) seinen Lauf: die OEMs erhöhten die Prognosen an die EMS-Dienstleister in Bezug auf die Produktnachfrage; diese wiederum erhöhten ihre Prognosen für die Zulieferer (welche in der Regel mehr als bereit sind Kapazitäten zu erweitern um dann Komponenten zu überhöhten Preisen zu verkaufen). Ja und dann brach das Kartenhaus zusammen. Abbildung 1: Zitat aus einem Sloan Management Review Artikel über den Bullwhip-Effekt. Dr. H. Lee et. al. So wie viele Start-ups und Risikokapitalgeber gleichermaßen begriffen, dass "JustDogFood.com“ kein wirkliches Geschäft darstellt, so erkannten auch öffentliche Investoren, dass die Ausgabe neuer Aktien von Amazon-to-be’s nicht unbedingt als Geschäftsmodell bezeichnet werden konnte. Die Finanzierung verlangsamte sich, was wiederum die Unternehmen darin einschränkte in neue Hardware zu investieren. OEMs begannen – zuerst noch zögernd – die Auftragsvolumen an EMS-Dienstleister zu verringern. Diese wiederum reduzierten die Auftragsvolumen an ihre Zulieferer. Als die ‚vorübergehende Flaute’ zur Norm wurde, wurde auch die Elektronik-Industrie mit der krassen Realität konfrontiert – und mit den verheerenden Folgen ihres eigenen Handelns. Es war schon schlimm genug, dass die reale Produktnachfrage in vielen Segmenten beträchtlich nachgab. Aber verbunden mit der Tatsache, dass in der gesamten Lieferkette nun OEM- und EMS-Unternehmen bemüht waren die Aufträge zu stornieren und Lieferungen zeitlich nach hinten zu verschieben, …. was nur ein böser Traum sein sollte wurde nun zu einem echten Alptraum. Nachdem auch ich (in vollem Umfang) am Tech-Wreck teilgenommen habe – auch Narben davongetragen habe – musste ich persönlich so einige Lektionen über das Leben, die Wirtschaft und die Integrität lernen. Die größte Lektion (in Bezug auf die Lieferketten)? Daten sind Silber, Informationen sind Gold; und das die verschiedenen Systeme und Kommunikationskanäle (für Daten und Informationen gleichermaßen) 2000 in vielen Fällen kläglich scheiterten. Die verschiedenen Systeme für Prognose, Planung und Beschaffung – ob voll integrierte ERP-Systemen oder selbst entwickelt – kamen mit keiner wirklichen (und sinnvollen) vertikalen Konnektivität. OEMs überbewerteten die Nachfrage in regelmäßigen Abständen – es könnten ja plötzlich neue Aufträge auftauchen. Vielen gaben Prognosen an die Lieferanten weiter – ohne ihre Fertigungspartner zu informieren. Dadurch wurden die Lieferzeiten weiter ausgereizt und in einigen Fällen entstand sogar ein regelrechter Kampf zwischen OEMs und den eigenen EMS-Dienstleistern um die benötigten Komponenten. In der Zwischenzeit erhöhten viele EMS-Dienstleister die Auftragsvolumen an die Zulieferer, nicht ahnend, dass die OEMs ihre eigenen Prognosen schon überhöht hatten (Die Prognosen der OEMS stiegen eh jeden Monat weiter an.). Bei anderen Komponenten – wie etwa Flash Memory – erhöhten einige EMS-Dienstleister ihren eigenen Bedarf; um später zu entscheiden, welcher Kunde der Begünstigte dieses ‚Geschenk des Himmels’ werden würde. Abbildung 2: Supply Chain Kartenhaus - circa 2000 Obwohl die Nachfrage nun rückläufig war, gaben die Unternehmen – OEMs und EMSs gleichermaßen – nur ungern zu, dass die Party wohl vorbei sei. Stattdessen wurde erklärt, dass die Nachfrage nur vorübergehend nachgelassen habe. Als man endlich in der Realität ankam, gab es schon so viele verschiedene Zahlen zur Nachfrage, wobei diese Zahlen von vielen verschiedenen Quellen produziert wurden. Nun war es sehr schwierig überhaupt das tatsächliche Maß an Angebot und Nachfrage zu ermitteln. Durch Systeme welche nur wenig (oder überhaupt nicht) miteinander verbunden waren, sowie durch gezielte und absichtliche Zurückhaltung von Informationen schwammen die OEM- und EMS-Unternehmen nun auf einmal in Lagerbeständen. Und – wie bei allen großen Problemen – begann man nun die Fehler auf andere zu schieben; und wer trägt nun eigentlich die finanzielle Bürde für einen Berg an Material (welches zu überhöhten Preisen eingekauft, nun nicht mehr dem eigentlichen Marktwert des Materials entspricht)? Keine Lehren daraus gezogen und im Unterricht "zu gut aufgepasst" Obwohl seit dem Platzen der Tech-Blase nun schon fast ein Jahrzehnt vergangen ist, waren die Erinnerungen an das Ereignis in den meisten Managerköpfen noch sehr prominent vorhanden, als im Spätsommer 2008 die Luft aus einer anderen Blase auszutreten begann. Nachdem die Meisten ihre Lektion gelernt (oder vielleicht ‚übergelernt’) hatten, handelten viele Marktteilnehmer schon bei den ersten kleinen Anzeichen von Schwierigkeiten. Bereits im Juli 2008 wurden die ersten Nachfrageprognosen in einigen Bereichen gekürzt. Im September kürzten mehrere EMS-Unternehmen ihre Aufträge bei den Zulieferern (unabhängig von der Nachfrage seitens ihrer Kunden). Anfang November strichen dann die OEMs ihre Aufträge an die EMS-Dienstleister zusammen, und die wiederum kürzten die Aufträge an die Zulieferer. É voila der negative Peitscheneffekt ist da. Die Weltwirtschaft brach zusammen! Bargeld – lange als König gefeiert – wurde nun zum rücksichtslosen Diktator. Und wie jeder gute CFO weiß ist Bestand für Bargeld der ‚Feind Nummer 1’. Und Bestand muss man loswerden – um die Bilanz zu schützen. Das hatten wir ja im Unterricht nach dem Tech-Crash von 2000 gelernt, oder etwa nicht? Die richtigen Lehren hat man in der Welt der Auftragsfertigung vielleicht gar nicht gezogen; und die falschen wurden weit über ihre Nützlichkeit hinaus gelernt. Im Jahr 2000 arbeiteten viele OEMs und EMS-Dienstleister nicht wirklich zusammen, um einen kohärenten Lösungsplan für dieses Problem zu schaffen. Stattdessen handelten alle eigenständig, sicherten die eigene Materialversorgung und verheimlichten Informationen – und alles nur zum Schutz der eigenen Interessen. Als 8 Jahre später die ersten Gewitterwolken aufzogen, begannen zahlreiche EMS-Dienstleister (sowohl große als auch kleine Unternehmen) innerhalb der Lieferkette einseitig zu handeln. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die damaligen Lagerbestände anschaut. MPS und Nachfrageprognosen wurden in allen Bereichen und Segmenten heruntergefahren – massive Kürzungen wurden innerhalb der gesamten Lieferkette getätigt. Der monatliche Auftragsbestand in der Halbleiterindustrie sank zwischen August und September um unglaubliche 25%. Viele EMS-Unternehmen wollten nicht warten, bis die OEM-Kunden ihre Prognosen aktualisierten. Als die OEMs dann im Herbst ihre Prognosen drastisch nach unten schraubten, wurde die Lieferkette von weiteren Auftragskürzungen überrollt. Im Dezember gab der Auftragsbestand der Halbleiterindustrie wiederum um 26,1% nach. Darauf folgte dann im Januar ein unglaublicher 52,1% Sturz (sequenziell, M-o-M). Im März 2009 war der Auftragsbestand dann auf dem niedrigsten Niveau angekommen das ich jemals gesehen habe. Abbildung 3: Halbleiter (monatliche Veränderungen) Die Tabelle in Abbildung 3 zeigt deutlich die unglaublich rasanten Rückgänge in der Halbleiterindustrie – als die Nachfrage drastisch zusammengestrichen wurde. Der Rückgang bei den Auftragseingängen ist bei weitem das Dramatischste und Größte, das ich in meiner Karriere je gesehen habe. Es zeigt zudem was einige Marktteilnehmer in Bezug auf Überbestände denken. Wie die Grafik auch deutlich zeigt, sind diese Kürzungen dramatische Überreaktionen und die Industrie kämpft nun um wieder Anschluss zu finden. Die vorläufigen Daten für Juli 2009 zeigen eine relative monatliche Veränderung (in diesem Indikator) von 62% - wiederum der größte monatliche Anstieg den ich je gesehen habe. Abbildung 4: Semiconductor Book-to-Bill-Verhältnis Ein neues Problem – ‚Reverse Bullwhip’ Der einseitige ‚Optimierungsprozess’ innerhalb des Handels hat seit Ende 2008 nachgelassen. Trotzdem scheinen EMS-Dienstleister und OEM-Unternehmen den Materialbedarf unter dem zusammengefassten Niveau der Kundennachfrage anzusetzen. In Bezug auf ‚Erholung’ bleiben die meisten Führungskräfte vorsichtig; die Nachfrage seitens der Kunden wird skeptisch betrachtet und sie bleiben extrem vorsichtig was die eigene Bilanz anbelangt. Das die Unternehmen von der realen Nachfrage ein- und überholt werden, zeigt sich an den veränderten Vorlaufzeiten für einige Komponenten; einige EMS-Dienstleister verpassten zudem die rechtzeitige Verbringung einiger Produkte. Viele Wirtschaftsexperten werben mit branchenüblichen Kenngrößen (wie bereits oben erwähnt) und sehen die erhöhten Vorlaufzeiten als Beweis eines starken Wirtschaftsaufschwungs. In Wirklichkeit kann man die gegenwärtige Situation in drei Bereiche untergliedern – in der folgenden Reihenfolge: 1) Prognosen und Nachfrage sollten im Einklang mit der Realität stehen. Kurz gesagt: die übermäßig pessimistischen (unrealistisch) Prognosen müssen angepasst werden und der tatsächlichen Nachfrage seitens der Kunden Rechnung tragen. 2) Eine anspruchslose Erholung in zahlreichen Industriebereichen schafft – schrittweise – eine echte Nachfrage. 3) Der Abbau von Kapazitäten bei wichtigen Komponenten hemmt die Zulieferer darin auf die Auswirkungen des enormen Peitscheneffekts der letzten 6 bis 9 Monate zu reagieren; mit dem oben (Abbildung 3) beschriebenen Resultat. Diese Fragen sind entweder schon leicht ermutigend> oder leicht beunruhigend – abhängig davon wie man die Lage nun selbst beurteilt. Das eigentliche Problem ist jetzt welche Prognosen die OEMs an ihre Fertigungsdienstleister weitergeben. An der Nachhaltigkeit zweifelnd (könnten dies wirklich die ersten Anzeichen eines Konjunkturaufschwungs sein) haben viele OEMs Nachfrageprognosen ignoriert und sind mit der Auftragsvergabe an EMS-Dienstleister äußerst vorsichtig. Die einhellige Meinung der OEMs in den letzten 6 Wochen klingt ungefähr so: „Die Dinge sind noch etwas ‚soft’. Ich wende meine Prognose kurz halten; [fügen Sie den Namen des jeweiligen EMS-Dienstleisters hier ein] kann etwas Material einkaufen und …" Nun auf einmal (in den letzten 6 Wochen ungefähr) sehen sich OEM-Unternehmen mit potentiellen Engpässen konfrontiert und Vorlaufzeiten nehmen drastisch zu. Doch diese (flauen) Kapazitäten können nicht schnell genug reagieren – und noch vor 20 – 25 Wochen konnten die Zulieferer ihre Kapazitäten nicht schnell genug zusammenstreichen. In den letzten Wochen sind die Vorlaufzeiten für eine Reihe von Schlüsselkomponenten start angestiegen und dieser Trend dürfte sich bis zum Ende des Jahres fortsetzen. Besonders betroffen sind SRAM, Linear-und Analog-IC's, DSP, Standard Logic, und die Liste geht weiter. Während EMS-Dienstleister, ODMs und OEMs auf die Verschärfung der Lieferbedingungen in den kommenden Wochen und Monaten reagieren, wird es interessant zu beobachten wann Prognose und Nachfrage ein echtes Equilibrium (Gleichgewicht) erreichen. Dafür ist es jetzt jedoch noch zu früh. Abbildung 5: Semiconductor Books vs. US Electronic Equipment ----- Autor: Ron Keith, Chief Executive Officer, Riverwood Solutions Diesen Artikel als pdf-Datei "Beschränkungen für die Lieferkette – real oder eingebildet" herunterladen.
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2019.05.21 21:58 V13.3.9-2