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Leiterplatten | 08 Mai 2009

Die Lage der europäischen Leiterplattenindustrie

Die weltweite Krise dient zur Zeit als Basis für alle möglichen Kommentare in jeder Art von Industrie, doch hat sie besondere Auswirkungen für die Leiterplattenindustrie in Europa. Hier zeigt sich, daß die Industrie schon seit einiger Zeit ihre Identität verloren hat. Für viele Einkäufer ist die Leiterplatte nur eine „Commodity“, genauso wie Lautsprecher oder Leuchtstoffröhren.

Solche Einkäufer haben keine Vorstellung vom Produkt, es wird halt eingekauft, weil es zufälligerweise eben auch mit „L“ beginnt. Daß es sich dabei um ein Schlüsselbauteil handelt, oft sogar ein sehr komplexes, welches über den Verkaufserfolg eines noch wichtigeren und teureren elektronischen Gerätes entscheidet, kommt in ihrer Gedankenwelt nicht vor. Wenn der Wecker frühmorgens seinen Dienst versagt, dann ist das ärgerlich. Ebenso, vielleicht etwas ärgerlicher, ist der Ausfall des Mobiltelefons. Aber es ist eine andere Sache, wenn ihr Airbag oder ihr Bremsassistent plötzlich ausfällt. Aber gerade die Automobilindustrie hat allen anderen Industriezweigen gezeigt, daß immer und überall nur der Preis ausschlaggebend ist. In ein billigeres Land zu gehen ist legitim – wir alle möchten nicht teurer als nötig einkaufen. Aber dabei europäischen Service, europäisches Know-how und europäische Flexibilität zu asiatischen Preisen zu verlangen kann nicht funktionieren. Oder auch die schon fast selbstverständliche Übung, bestehende Verträge nach Belieben zu brechen und damit viele Jahre bestehende Lieferanten aus dem Markt zu drängen, zeugt nicht von langfristiger und strategischer Planung. Wenn die Preise fallen hört man: „Sie müssen sich dem Weltmarkt anpassen“ und wenn sie steigen heißt es: „wir haben einen Vertrag“. Und genau das war immer wieder der Fall in den letzten Jahren. Das Verhalten der Einkaufsleiter, Preise zu diktieren und einen Hersteller gegen den anderen auszuspielen war (und ist) die schmerzvolle Erfahrung der meisten Lieferanten. Anstatt ihre Hausaufgaben zu machen und den eigenen Betrieb auf Leistungsfähigkeit zu trimmen, war es einfacher – und billiger – die Lieferanten zu zwiebeln. Sogar tiefe Einblicke in die Fertigungsprozesse und die Kostenstruktur des Herstellers wurden nicht erbeten, sondern gefordert. Und oft genug passierte es, daß eine clevere Idee eines europäischen Herstellers postwendend bei einem asiatischen Wettbewerber landete. Der Vorwand, ein Prozessaudit durchzuführen machte derartige Informationssammlungen möglich – und NDAs kümmerten solche Kunden nicht. Nun haben wir eine globale Krise und das gibt der Lage eine neue Wendung. Große und kleine Firmen haben nicht genug Liquidität, um neue Einrichtungen zu kaufen, da die Banken Angst haben, Kredite zu gewähren – obwohl unsere Regierungen große Schritte unternommen haben, ihnen aus genau dem Misthaufen herauszuhelfen, den sie selbst verursacht hatten. Seit dem Jahr 2000 hat die Leiterplattenindustrie Westeuropas (ohne neue EU-Länder) in allen Bereichen 55% verloren: das sind in „echten Zahlen“: über 300 Firmen, über 24.200 Arbeitplätze und über 2,6 Mrd. EUR Umsatz! Nun könnte man sagen, daß eine Leiterplattenfertigung in Europa nicht sinnvoll sei. Aber dieses Argument ist falsch. Selbst während der „guten Zeiten“ hatten die billigen Lieferanten am anderen Ende der Welt in regelmäßigen Abständen oft nicht genug Kapazität, um zusätzlichen Bedarf zu befriedigen oder die Qualität war nicht gut genug, um die Anforderungen der Abnehmer zu erfüllen. Logistik ist ein anderes Problem, da der „billige Einkauf“ auch viel zusätzliche Arbeit erfordert, um die Ware von Punkt „A“ zu Punkt „B“ zu transportieren. „Billig“ heißt deshalb oft genug, daß Seefracht gewählt wird. Aber steigende Energiepreise (wie 2008) oder neue Gefahren (wie die Piraten im Arabischen Meer) haben erheblichen Einfluß auf Frachtraten, Versicherungsprämien und/oder die gesamte Lieferkette. Risikomanagement ist heute für den Erfolg eines Unternehmens sehr viel wichtiger geworden als das noch vor 5 oder 10 Jahren der Fall war. Welche Aussichten hat die Leiterplattenindustrie? Zugegebenermaßen ist der kurzfristige Ausblick nicht sehr vielversprechend und sogar einige von den Firmen, die den Jahreswechsel bisher überlebt haben, sind schon vom Untergang bedroht – oder sind sogar bereits untergegangen. Und während es in der Vergangenheit meist kleinere Unternehmen traf, die nicht weiter durchhalten konnten, so hat es jetzt große und sogar sehr große Hersteller getroffen. Während der ersten vier Monate des laufenden Jahres gingen fast 1.800 Arbeitsplätze – oder 9 % - verloren. Nun sollten wir einmal nach Asien schauen. Dort ist die Krise genauso schlimm wie hier. Aber viele Firmen versuchen nicht nur zu überleben, sie suchen nach Wegen, das Beste aus der Lage zu machen. Welche Technologien sind vielversprechend? Welche Änderungen in der Prozesstechnologie sollten begonnen werden? Gibt es neue Kundensegmente, die bislang noch nicht bearbeitet wurden und welche Wege sollen dafür beschritten werden? Wie so oft kann eine negative Situation umgedreht werden und wenn man seine Vorstellungskraft nutzt, fällt man nicht in Depressionen. Wer wird überleben? Die Antwort ist sicher schwierig, doch es liegt auf der Hand, daß zunächst Hersteller mit einem engen Verhältnis zu ihren Kunden eine bessere Überlebenschance haben als andere. Die Finanzkrise und die Banken haben uns einen neuen Ausdruck gegeben „systemimmanent“. Daher werden auch Unternehmen, die systemimmanent sind, die Lage überleben, aber es werden wenige sein. Die Automobilzulieferer werden dringend effiziente und gute Firmen brauchen, die die technischen Anforderungen erfüllen und gleichzeitig große Mengen in gleich bleibend guter Qualität liefern können. Die gesamte Elektronikindustrie braucht ebenfalls leistungsfähige Lieferanten, die technische Beratung geben, neue Produkte bei der Markteinführung begleiten, sie in die Massenproduktion überleiten und später – am Ende des Lebenszyklus – in ein Ausstiegsszenario führen können. Zwischendurch werden genau diese Firmen helfen, wenn „Not am Mann“ ist, z. B. auch bei logistischen Problemen, selbst solchen, die mit dem Lieferanten nichts zu tun haben und die die Lieferkette unterbrechen könnten, wie es der Ausbruch eines Grippevirus gerade wieder einmal zeigt. Nach der Krise werden wir uns gegenseitig mehr brauchen, als jemals zuvor. Und die verbleibenden Firmen sollten jetzt darüber nachdenken, mit welchen Geschäftsmodellen sie künftig überleben wollen. Notfalls muß man mit den Wölfen heulen. Was wir jetzt brauchen sind strategische Allianzen, die auf Vertrauen beider Seiten aufgebaut sind und Zusammenarbeit zum Wohle aller Beteiligten (dem Lieferant im Billiglohnland, dem europäischen Partner und dem Kunden) dienen. Aber es müssen „für die Zeit danach“ auch andere Regeln gelten. Niemand kann ernsthaft europäische Produktion und europäischen Service zu asiatischen Preisen erwarten. Daher muß es einen Preis für die eine Herkunftsregion geben und einen anderen Preis für die andere Region. Und die Industrie muß für sich eine neue Identität finden. Das Geschäftsmodell der Vergangenheit (jeder gegen jeden) muß enden, denn anderenfalls wird die Industrie nur noch tiefer und schneller sinken. Wenn ein Kunde unbedingt billig kaufen will, kann er es tun – aber auf eigenes Risiko. Und wenn er dann nach Hilfe ruft, kann er diese bekommen – aber zu einem anderen Preis. Mein letzter Arbeitgeber hat mir einmal gesagt: „Wir sind nicht dazu da, Leiterplatten herzustellen. Wir sind dafür da, Geld zu verdienen und Leiterplatten sind – zur Zeit – der Weg dahin.“ Deshalb empfehle ich allen Mitgliedern der Lieferkette: suchen Sie sich einen zuverlässigen Partner. Und behandeln Sie ihn auch im Sinne des Wortes: als Partner – und nicht als Putzlappen. Dann dürfte eine erfolgreiche Zukunft für alle Beteiligten möglich sein. Autor: Michael Gasch (data4PCB)
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