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© Eurocircuits via Youtube Leiterplatten | 25 Februar 2020

Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie ist gefährlich

In den letzten 30 Jahren hat sich die europäische Elektronikindustrie stark von der chinesischen Lieferkette abhängig gemacht.

Dieser Effekt setzte bereits in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein, als sich größere (europäische) Elektronikkonzerne in China niederließen, um von den billigen Arbeitskräften und Ressourcen zu profitieren. Sie alle gründeten Joint Ventures mit chinesischen Aktionären, die Produktionsstätten zur Herstellung von in Europa entwickeltem geistigem Eigentum (Intellectual Property – IP) errichteten. Kein Jahrzehnt nach Beginn dieser Bemühungen schossen chinesische Unternehmen wie Pilze aus dem Boden auf und brachten ähnliche Produkte auf den Markt, jedoch zu geringeren Kosten für die Kunden. Diese Unternehmen nahmen rasch eine dominierende Marktstellung ein und überschatteten ihre ehemaligen europäischen Partner. Wir alle kennen die großen Namen aus den 80er und 90er Jahren, die unter diesem eher naiven Ansatz des chinesischen Fertigungswunders gelitten haben. China machte das sehr geschickt und eroberte damit den Elektronik-Weltmarkt. Anstatt von oben nach unten zu gehen, gingen sie von unten nach oben und übernahmen die Herstellung aller wichtigen Basisbauteile. Das Preisniveau, auf dem diese Dienstleistungen angeboten wurden, lässt den Verdacht aufkommen, dass es irgendeine Art staatlicher Unterstützung gab. Bei Leiterplatten liegen die chinesischen Verkaufspreise weit unter den Materialpreisen, die europäischen Hersteller aufbringen müssen. Diese Strategie dezimierte den europäischen PCB-Markt, der einst mehr als 40% des Weltmarktes ausmachte. Heute liegt der Marktanteil unter 3%, wohingegen China seinen Marktanteil auf über 50% bei der weltweiten Leiterplattenproduktion ausbauen konnte. Eine ähnliche Situation entwickelt sich übrigens auf dem Markt für die Herstellung von Bauteilen. Der Coronavirus brachte den Fertigungsmotor Chinas zum stottern und die Auswirkungen auf den europäischen Elektronikmarkt sind enorm. Es mag Sie auch nicht überraschen, dass in solchen Situationen die verbleibenden europäischen Leiterplattenhersteller nur einen Bruchteil des Mangels ausgleichen können. Die europäische Leiterplattenindustrie mit einem Weltvolumen von weniger als 3% riskiert dabei auch, zu unbedeutend zu werden, um das Interesse der Lieferanten aufrechtzuerhalten. Es wird immer schwieriger Vertriebs- und Serviceorganisationen auf dem EU-Markt zu halten. Lieferanten von Basismaterialen verkleinern ebenfalls ihre Präsenz in Europa oder sind einfach nicht mehr anwesend. Vieles, was wir in der Leiterplattenindustrie brauchen, kommt aus China. Auch wenn wir einen europäischen Hersteller von Basismaterial haben, so bezieht dieser die Kupferfolie aus China. Die Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie von der chinesischen Lieferkette ohne echte europäische Unterstützung ist eine schwierige Situation. In der EU sorgen unsere Unternehmen durch die Zahlung von Steuern und/oder Maßnahmen für viele Dinge, die unser tägliches Leben beeinflussen: Sozialfürsorge, Gesundheitsversorgung, gute Infrastruktur, Umweltschutz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Rechenschaftspflicht, keine Kinder- oder Zwangsarbeit, keine moderne Sklaverei und vieles mehr. In der EU kümmern wir uns auch um die Privatsphäre und unsere Unternehmen müssen sich an die strengen Regeln der DSGVO halten, die es zu Recht unmöglich machen, Menschen mit E-Mails zu bombardieren, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Diese Rechte/Privilegien, die uns in der EU am Herzen liegen und die wir gerne unterstützen, machen alle Chancen zunichte, dem chinesischen Wettbewerb unter gleichen Bedingungen zu begegnen. Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal gegen Nicht-EU-Zulieferer hat sich die verbleibende europäische Leiterplattenindustrie daher auf Prototypen und Kleinserien mit schnellen Lieferzeiten für den Elektronikentwickler konzentriert. In den letzten 5 Jahren haben wir ein zunehmendes Interesse chinesischer Lieferanten an diesem Marktsegment festgestellt. Der Grund liegt auf der Hand; die Entwicklungsabteilung liegt am Anfang der Wertschöpfungskette. Jetzt, wo die größeren Volumen bereits in chinesischer Hand sind, sollen Prototypen und Kleinserien folgen. Man bietet Schleuderpreise an, um sich einen Weg auf den Elektronikentwickler-Markt zu bahnen. Den chinesischen Unternehmen wird sogar mit unseren Zollregeln geholfen: keine Mehrwertsteuer für Güter mit einem Wert unter EUR 22 (in Deutschland) und keine Zollabfertigungskosten für Produkte mit einem Wert unter EUR 150. Da die Preise für chinesische Prototypen in der Regel sogar unter dem Mehrwertsteuer-Schwellenwert liegen, sind sie für Schüler und Schulen sehr attraktiv. Doch die 'Ingenieure von Morgen' werden jedoch mit unseren Steuern gesponsert. Ein zynischer Gedanke, wenn man bedenkt, dass unsere Steuern von heute, uns morgen unseren Tod bescheren werden. Elektronik ist heute ein immer wichtigerer Bestandteil unseres täglichen Lebens. Wir finden Elektronik in fast Allen das wir anfassen. Für Europa war Elektronikdesign immer eine wichtige strategische Aufgabe. Es ist die Grundlage für die Gestaltung unserer Gesellschaft und Lebensweise. Aber wie wir alle wissen, kann es kein Design ohne eine Fertigung in der Nähe geben kann. Wissen und Erfahrung gehen Hand in Hand. Aus diesem Grund möchte China als nächstes die europäische Prototypen- und Kleinserienleiterplatten- und bestückungsindustrie übernehmen. Sind diese Bereiche erst einmal weg, wird das Design bald folgen und China wird die volle Kontrolle über den Elektronikmarkt haben. Damit würde China auch die Welt dominieren, ohne dass aggressive Maßnahmen erforderlich gewesen wären. Wo die großen Weltnationen mit einem Knopfdruck einen Atomkrieg auslösen können, werden China mit dieser Dominanz über die Elektronikindustrie eine ganze Reihe von Knöpfen zur Verfügung stehen. Einige Beispiele, die uns in den Sinn kommen, könnten sein:
  • Geldtransaktionen funktionieren nicht mehr
  • Fehlfunktionen von Polizei, Feuerwehr, Armee, Krankenhäusern usw. aufgrund von Kommunikationsstörungen
  • Die gesamte drahtlose Kommunikation schlägt fehl
  • usw.
Unser geliebtes Internet of Things (IoT) wird eine Schwachstelle sein. Es mag alles wie eine Metaphor, Science-Fiction oder weit hergeholt klingen, aber wenn Sie drüber nachdenken, ist es das wirklich? Und selbst wenn China nur unser Glück im Auge hat, machen die Auswirkungen der jüngsten Coronavirus-Krise deutlich, dass die europäischen Elektronikindustrie von der chinesischen Lieferkette völlig abhängig ist und es kein Backup gibt. Wir müssen uns fragen, ob es das ist, was wir für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder möchten.
Über den Autor: Dirk Stans ist Managing Partner für den europäischen Leiterplattenhersteller Eurocircuits; Spezialist für Prototypen und Kleinserien.
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