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© Isola Leiterplatten | 20 November 2017

Bleibe im Lande und nähre dich redlich (Luther 37 Vers 3)

Im Lutherjubil√§umsjahr sei diese Anleihe gew√§hrt. Worum geht es? Es geht um die Leiterplatte - Schl√ľsseltechnologie und Innovationstreiber der Elektronikindustrie.
Das ist eine Produktank√ľndigung von Isola. Allein der Emittent ist f√ľr den Inhalt verantwortlich.
"In Europa unterh√§lt die Elektronikindustrie √ľber 200'000 direkte und mehr als eine Million von ihr abh√§ngige Arbeitspl√§tze in der gesamten industriellen Wertsch√∂pfungskette. Wegen ihrer gro√üen Bedeutung auch f√ľr Dienstleistungen steuern Innovationen und Wissen aus der Mikroelektronik indirekt mindestens 10 Prozent zum europ√§ischen Bruttoinlandsprodukt bei." (aus dem Rahmenprogramm der Bundesregierung f√ľr Forschung und Innovation 2016 ‚Äď 2020)

Wir, die Unternehmen entlang der Lieferkette, haben also einen festen Platz in der europ√§ischen Wirtschaft ‚Äď und f√ľhlen uns dennoch verloren. Eingeklemmt zwischen zunehmendem Margendruck und steigenden Kundenerwartungen ger√§t so manch einer in den Hyperventilationsmodus und kann sich, wahlweise, mit dem weltweit wachsenden Nationalismus (siehe Brexit, siehe amerikanischen Protektionismus) identifizieren oder sucht sein Heil in der Auslagerung von Fertigungsschritten, Reduktion der Lagervorhaltung und dem Abbau von Handelsschwellen. Wollen wir uns wirklich selbst abschaffen, um im Meer importierter Ware vollends unterzugehen? Darf es auch ein bisschen Mittelma√ü (Achtung ‚Äď hier steht nicht Mittelm√§√üigkeit) sein?

Es kommt nicht von ungef√§hr, dass viele Unternehmen unserer Branche mit Fertigungsstandorten in Europa sehr erfolgreich sind. Zuverl√§ssigkeit, Innovationsfreude, neueste Fertigungstechnologien und das oft zitierte gl√ľckliche H√§ndchen in der strategischen Ausrichtung zahlen sich aus. Man ist, manchmal auch mit asiatischen Partnern an seiner Seite, breitbeinig aufgestellt und kippt nicht so leicht aus den Schuhen wenn es in der globalen Lieferkette knirscht.

Global Sourcing bietet, je nach Branche, Einsparpotentiale von 10 bis 30 Prozent auf den Einstandspreis. Wer jetzt den Dagobert-Duck-Dollar-Blick bekommt denkt zu kurz: Logistik, Standards, Lieferzeiten, Service, Ausschuss, Innovation, W√§hrungsrisiken oder Versorgungssicherheit sind nur einige Bezugsgr√∂√üen, die in eine Total Cost of Ownership Rechnung einflie√üen sollten. Was man fr√ľher schlicht Einkauf nannte mutierte in der globalen Wirtschaft schnell zum Supply-Chain-Management, mit dem Ziel der Ressourcen- und Kostenoptimierung entlang der Wertsch√∂pfungskette, und wurde schlie√ülich um das Supply-Chain-Risikomanagement erweitert, weil - ja weil Lieferketten noch nie so eng vernetzt, so st√∂rungsanf√§llig und so global waren wie heute.

Naturkatastrophen machen Einkaufsmanager mit Blick auf drohende Versorgungsrisiken zu Wetter- und Klimaexperten. Die globale Vernetzung ist anf√§llig f√ľr Cyberkriminalit√§t. Die Wirtschaftsdynamik Asiens und vieler Schwellenl√§nder beeinflusst Rohstoffkapazit√§ten, mit, teils gravierenden, Auswirkungen auf hightech-relevante Rohstoffe wie Stahl, Kupfer, Gallium etc. Das bietet Raum f√ľr Spekulationsgesch√§fte auf den Finanzm√§rkten, mit nicht absehbaren Folgen. Wer nicht vollends dem Geiz-ist-Geil Wahn verfallen ist nimmt auch ethische Betrachtungen wie Menschenrechte, Klimaschutz, Produktionsbedingungen, politische Instabilit√§t oder Produktpiraterie in seine strategische Beschaffungsplanung mit auf.

Die Liste der Pros und Cons des globalen Sourcings lie√üe sich noch weiter fortsetzen. Verfechter dieses Einkaufsmodells f√ľr Leiterplatten werden wissen warum sie diese Strategie w√§hlen und wissen gleichzeitig, dass die europ√§ische Elektronikindustrie damit mittelfristig den Bach runter geht. Die europ√§ischen Leiterplattenimporte haben im vergangen Jahr ein neues Hoch erreicht und sind seit 2010 um satte 20 Prozent (Wert) gestiegen. Diese Zahlen lassen sich der europ√§ischen Trade Statistics entnehmen. Damit, und das ist ebenfalls fatal f√ľr alle Unternehmen entlang der Lieferkette, ist aber auch schon Schluss mit verl√§sslichen Zahlen. Produktions- und Markzahlen der Leiterplattenindustrie in Europa (aber auch weltweit) sind wie √úberraschungen aus einer Wundert√ľte der Marktstudienbetreiber.

Um im Jargon zu bleiben; ein Allheilmittel f√ľr alle Wehwehchen ist nicht auf dem Markt. Die bereits verloren gegangenen Arbeitspl√§tze w√ľrden auch durch einen neuen europ√§ischen Protektionismus nicht mehr zur√ľckkommen. Der weitere Abbau von Handelsschwellen f√ľr Produkte entlang der Lieferkette wird, wie am Beispiel der Leiterplatte zu sehen, die Elektronikgemeinde nur noch weiter dezimieren. Also, einfach so weitermachen weil es gerade so harmonisch ist? Nein, keine Option. Da reicht der Blick auf die Automobilbranche, die so pl√∂tzlich aus ihrer gl√ľckseligen Disponiertheit herausgerissen wurde. Wer zu lange die F√ľ√üe still h√§lt, der wird bald nicht mehr laufen k√∂nnen.

Wir brauchen: Mehr Unternehmensverantwortung und Transparenz entlang der Lieferkette; Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die zusammenarbeiten; verbesserte Netzwerkstrukturen; F√∂rderung f√ľr Unternehmen mit F&E Bereich und politische Rahmenbedingungen, die unsere Wettbewerbsf√§higkeit st√§rken.

Auch das noch. Obwohl viele Unternehmen entlang der Lieferkette von wachsender Perspektivlosigkeit gezeichnet sind und an Standortverlagerung denken, boomt hierzulande die Einkaufstour ausl√§ndischer Investoren (Osram ‚Äď Kuka ‚Ķ). Laut einer AT Kearney Studie haben lediglich acht der globalen Top 100 Hightech-Unternehmen ihren Hauptsitz in Europa. Wie jetzt? Die einen wollen weg und die anderen wollen unbedingt ins Land, und das trotz hoher L√∂hne, trotz hoher Steuern und b√ľrokratischer H√ľrden? Es muss also etwas dran sein an den sozialen, rechtlichen und politischen Strukturen hierzulande. Oder ist es der einheitliche Binnenmarkt, offene Grenzen und die gemeinsame W√§hrung ohne Wechselkursrisiken? Es bleibt dabei, Europa ist alternativlos.

Drum bleibe im Land und nähre dich redlich.

Autor: Karl Stollenwerk ‚Äď Gesch√§ftsf√ľhrer ¬© Isola GmbH
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