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© confidential info dreamstime.com Analysen | 18 Juni 2014

Herausforderung Smart Meter-Rollout: Europäische Ausschreibungs-Modelle im Vergleich

Europäische Energieversorgungsunternehmen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie man Millionen von Smart Metern in privaten Haushalten erfolgreich installiert und ausliest.
Sie haben dazu ganz unterschiedliche Ansätze und Ausschreibungs- bzw. Kooperationsstrategien gewählt. Jedes dieser Modelle hat seine Vor- und Nachteile.

Die im Auftrag der Bundesregierung erstellte Kosten-Nutzen-Analyse empfiehlt bis 2018 eine j√§hrliche Rollout-Rate von ca. 4 Millionen Ger√§ten, was sowohl intelligente Messsysteme mit einem Gateway als auch intelligente Z√§hler, die nachtr√§glich zu Messsystemen aufr√ľstbar sind, umfasst.

Das ist ehrgeizig aber nicht unmöglich. Hilfreich ist es jetzt, sich die Rollout-Strategien der europäischen Nachbarn genauer anzusehen. Die europäischen Energieversorgungsunternehmen (EVU) Enel, Iberdrola, ERDF, EDF, E.ON, Vattenfall und andere haben gezeigt, wie man Millionen von Smart Metern in privaten Haushalten erfolgreich installiert und ausliest. Sie haben dazu ganz unterschiedliche Ansätze und Ausschreibungs- bzw. Kooperationsstrategien gewählt.

Durchf√ľhrung des Rollouts und Aufgabenverteilung: Wer macht was?



Ein Smart Meter-Rollout umfasst folgende wesentliche Schritte:
  • Festlegung der Anforderungen an das Smart Metering System: Festschreiben der Use Cases und der technischen
  • Spezifikationen f√ľr Produkte und Systeme
  • Ausschreibung und Auswahl der Lieferanten
  • Rollout und Installation der Smart Meter
  • Inbetriebnahme und Skalierung der IT-Systeme
  • Regelbetrieb bzw. Messstellenbetrieb

W√§hrend in Europa die technische Spezifikation der Ger√§te einen wesentlichen Teil des Rollouts ausmacht, ist dieser in Deutschland durch den Gesetzgeberi weitgehend abgeschlossen. Der Smart Meter-Rollout konzentriert sich in Deutschland daher haupts√§chlich auf die Ausschreibung, die Ger√§teauswahl, deren Installation und die Inbetriebnahme der IT-Infrastruktur. Ger√§tehersteller, Anwender sowie diverse Dienstleister k√∂nnen diese Aufgaben partnerschaftlich √ľbernehmen ‚Äď abh√§ngig von dem gew√§hlten Ausschreibungsmodell. Die europ√§ischen Beispiele zeigen: Jede Strategie birgt f√ľr den Anwender Vor- und Nachteile und diese gilt es abzuw√§gen.



Best-of-Breed: Auswahl der Besten

Bei der so genannten ‚ÄěBest-of-Breed-Strategie“ w√§hlt der Netzbetreiber bzw. der Anwender die jeweils f√ľr ihn am besten geeigneten Komponenten eines Smart Metering Systems von verschiedenen Herstellern aus. Dazu geh√∂ren beispielsweise Gateway, Strom- und Gasz√§hler sowie Meter-Data-Management (MDM)-Systeme und Gateway Administrator Server. Der Anwender √ľbernimmt die Systemintegration der einzelnen Produkte dann selber. Der Vorteil dieses ‚ÄěRosinenpickens“ liegt in der optimalen Auswahl der einzelnen Komponenten auf das kundenspezifische Anforderungsprofil.

Der gr√∂√üte Nachteil liegt darin, dass der Anwender bei dieser Rollout-Variante den Aufwand der Systemintegration tr√§gt ‚Äď also auch das Risiko, dass die Ger√§te sich nicht nahtlos miteinander verbinden lassen. Bei der Fehlersuche muss sich der Anwender mit den einzelnen Herstellern auseinandersetzen, um den Verursacher der fehlenden Performance zu finden. Im Worst-Case liegt die Ursache aber gar nicht beim Hersteller, sondern der Anwender selber hat die Spezifikationen der einzelnen Komponenten nicht sauber miteinander abgestimmt. Weitere Herausforderungen kommen dann im Regelbetrieb durch neue IT- und Ger√§te-Releases auf die Anwender zu.

End-to-End: Lösungseinkauf

Bei der End-to-End-Ausschreibung wird das gesamte Smart Metering System ausgeschrieben und einem General-Unternehmen oder Konsortium √ľbertragen. Dieses liefert dann die Feldger√§te (z.B. Smart Meter f√ľr Strom und Gas) und das dazugeh√∂rige IT-System und f√ľhrt vor allem die vollst√§ndige Systemintegration vom Smart Meter mit dem MDMS-, Abrechnungs- und Workforce-Management-System durch. Bei einer End-to-End-L√∂sung sind die Performance-Merkmale des gesamten Smart Metering Systems entscheidend f√ľr die Abnahme. Das befreit den Kunden vom Risiko, dass das System nicht funktioniert und vom Aufwand, sich bei Performance-Problemen mit den Herstellern auseinanderzusetzen.

Weitere Vorteile dieses Modells sind:
  • getestete Interoperabilit√§t zu Drittherstellern;
  • eine nahtlose Releaseplanung;
  • Anwender k√∂nnen das Erreichen bestimmter Systemleistungen (SLAs) anfordern;
  • der Integrationsaufwand liegt auf Seiten des L√∂sungsanbieters.

Folgende Herausforderungen stellt das Modell an den Anwender:
  • Eingehen einer langfristigen Partnerschaft;
  • Aufbau eines Vertrauensverh√§ltnisses zwischen L√∂sungsanbieter und Anwender;
  • Offenlegen der Messstellenprozesse gegen√ľber dem L√∂sungsanbieter.

Beispiel f√ľr den Ansatz sind die Elektrizit√§tswerke des Kantons Z√ľrich (EKZ), f√ľr die der Ger√§tehersteller Landis+Gyr zun√§chst in einem Pilotprojekt 1.000 Smart Meter ausgerollt und eine MDUS-Plattform installiert hat. In den n√§chsten zwei Jahren werden von Landis+Gyr weitere 50.000 herk√∂mmliche Stromz√§hler durch Smart Meter ersetzt.

Die End-to-End-Ausschreibung eignet sich vor allem f√ľr mittelgro√üe Unternehmen, die keine Systemintegrationsrisiken tragen wollen oder k√∂nnen, oder wenn besonders gro√üer Zeitdruck herrscht. Da der Rollout in Deutschland durch die Empfehlung der Kosten-Nutzen-Analyse nun voran getrieben wird, empfiehlt sich daher f√ľr deutsche EVUs, diese Variante zu w√§hlen.

Turnkey-Modell: Schl√ľsselfertige √úbergabe

Bei einem L√∂sungseinkauf ist auch die Variante einer vollst√§ndig schl√ľsselfertigen √úbergabe m√∂glich, bei der auch die gesamte IT-Integration inklusive der Inbetriebnahme und Installation aller Smart Meter bei den Letztverbrauchern an den L√∂sungsanbieter vergeben wird. Die Abnahme erfolgt dabei durch Feld- und Systemakzeptanztests, in welchen die vereinbarte Funktionalit√§t und Systemperformance getestet werden. Die √úbergabe des gesamten Systems erfolgt erst, wenn alle vereinbarten Qualit√§ts- und Leistungsmerkmale erreicht sind.

Somit wird auch das Risiko eines √ľberlaufenden Budgets seitens der Anwender auf ein Minimum reduziert. Der estnische Energiedienstleister EEsti hat dieses Modell f√ľr den Rollout von 630.000 Smart Metern gew√§hlt. In einem Unternehmens-Konsortium stellt Landis+Gyr als Hersteller die komplette Smart Metering Infrastruktur f√ľr das Projekt bereit, das umfasst Smart Meter, Datenkonzentratoren and das Head-End-System (HES). Bis 2017 sollen alle estnischen Haushalte √ľber Smart Meter verf√ľgen.

Outsourcing / Managed Services

Vor allem aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen wird in Deutschland eine weitere Option f√ľr viele kleinere Energieversorger attraktiv: Das Outsourcing der IT-Infrastruktur und die Bereitstellung der Daten durch Dritte.

Kritische Punkte: Kommunikation und IT

Vor dem Rollout m√ľssen sich EVUs und Netzbetreiber rechtzeitig f√ľr die geeignete WAN (Wide Area Network)-Technologie entscheiden und deren Eignung pr√ľfen. Diese Wahl bestimmt, welche Gateways eingekauft werden. Die beiden wichtigsten europ√§ischen Technologien sind der Mobilfunk und die Powerline Carrier Kommunikation (PLC), bei der der Netzbetreiber die Stromnetze f√ľr die √úbertragung von Daten nutzt.

In Schweden und Italien wurden diese beiden Technologien beim Rollout vorwiegend eingesetzt. Dabei hat sich zum einen gezeigt, dass sie dem Masseneinsatz gewachsen sind. Au√üerdem hat sich die Verwendung zweier Technologien bew√§hrt, denn dadurch ist die Wahl der geeigneten Kommunikation f√ľr verschiedene Standorte m√∂glich.

Eine entscheidende Voraussetzung f√ľr die Installation der Messsysteme ist schlie√ülich ein geeignetes IT-Backend-System. Zum einen braucht es MDM-Systeme zur Verarbeitung der enormen Datenmengen. In Deutschland ist zudem eine Anbindung an eine Public Key Infrastructure (PKI) vorgeschrieben sowie ein Gateway-Administrator, der die Gateway Konfigurationen verwaltet. Dar√ľber hinaus bedarf es weiterer IT-Systeme, welche in das Gesamtsystem eingebunden werden, um die Inbetriebnahme und den Betrieb zu gew√§hrleisten.

Die europ√§ischen Beispiele zeigen: Entwicklung und Praxistests der IT nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Verf√ľgbarkeit des IT-Backend-Systems wird daher vermutlich einer der kritischsten Punkte auf dem Pfad des Rollouts in Deutschland sein. Die deutschen Energieversorger m√ľssen hier noch gewaltige Anstrengungen vornehmen.

Fallstricke bei der Montage

Auch f√ľr die Montage der Messsysteme gibt es einige wichtige Empfehlungen zu beachten:
  • Monteure: Inhouse oder outgesourced?: Bei hohem wirtschaftlichem Druck bietet sich zwar das Outsourcing an eine Fremdfirma an. Dabei kann es allerdings zu erheblichen Irritationen bei den Kunden kommen. Aus diesem Grund sollte die Wahl m√∂glichst auf eigene Monteure fallen.
  • Verz√∂gerungen einplanen: Wenn Monteure die Installation aus verschiedenen Gr√ľnden nicht erfolgreich durchf√ľhren k√∂nnen, kommt es zu Verz√∂gerungen. Die Kosten f√ľr solche so genannten Cleanups lagen in Schweden bei 3%. Sie k√∂nnen aber auch 10% der Installationen betreffen.
  • Planungswerkzeuge beschaffen: F√ľr die Montageplanung, die Logistik und Anlieferung bedarf es spezieller Tools. Millionen Z√§hlernummern m√ľssen mit den Telefonnummern der SIM-Karten und dem Ort, an dem der Z√§hler steht, in Verbindung gebracht und gespeichert werden. Mit Excel-Tabellen l√§sst sich diese Aufgabe nicht stemmen.

Fazit: Jetzt keine Zeit verlieren

Angesichts des Zeitdrucks, der durch die in der Kosten-Nutzen-Analyse empfohlene Rollout-Strategie jetzt entsteht, sind EVUs gefragt, bald das geeignete Ausschreibungs-Modell zu wählen und bei der Entwicklung der IT keine Zeit zu verlieren.
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Autoren: Dr. Peter Heuell, CEO, © Landis+Gyr Deutschland und Christian Meier, Produkt Manager Deutschland Landis+Gyr AG
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