Elektronikproduktion | 16 Juni 2010

Spekulation bei Rohstoffen: Fluch oder Segen?

Die sichere Versorgung der Elektroindustrie mit Rohstoffen zu angemessenen und fairen Preisen—sowohl heute als auch morgen—ist eine grundlegende Voraussetzung für die industrielle Wertschöpfung und damit für Beschäftigung, Wachstum und Investitionen am Standort Deutschland.
Für eine sichere Rohstoffversorgung benötigt man liquide Kassa- wie auch Terminmärkte mit handelbaren Produkten sowie eine ausreichende Zahl von Käufern und Verkäufern.

Für die Unternehmen der Elektroindustrie spielt es zunächst einmal keine Rolle, von wem sie die benötigten Rohstoffe (mitunter auch auf Termin) bezieht. Dies kann von "wirklichen" Händlern, also der verlängerte Arm des Produzenten, ebenso geschehen wie von so genannten "Spekulanten", die keinerlei Interesse an den physischen Rohstoffen haben. Wichtig ist, dass es Handelspartner gibt, mit denen entsprechende Lieferkontrakte abgeschlossen werden können.

Im Bereich der Rohmaterialien müssen die Elektrounternehmen häufig Termingeschäfte zur Absicherung von Preis- und Lieferrisiken eingehen. Spekulation ist also insoweit ein Segen, da sie – anderenfalls möglicherweise nicht vorhandene − Kontraktpartner vermittelt, mit denen sich die für das reale Geschäft der Elektrofirmen notwendigen Verträge zur Rohstoffsicherung abschließen lassen bzw. sichergestellt wird, dass die Rohstoffmärkte liquide bleiben.



Zu einem Fluch kann Spekulation allerdings dann werden, wenn der "Handel" von Rohstoffkontrakten nur noch zwischen "Spekulanten" stattfindet, ohne dass ein realwirtschaftlicher Bezug besteht. Dann nämlich besteht aus Sicht der Elektrounternehmen die Gefahr, dass die Preise stark in die Höhe getrieben werden oder erratisch schwanken und dabei die fundamentale Konstellation von Angebot und Nachfrage in den Hintergrund gedrängt bzw. verzerrt wird. Kostenmäßige Belastungen oder der Verlust von Planungssicherheit sind dann die Folge.

Der Einfluss der spekulativen Finanzinvestoren an den Metallmärkten lässt sich noch weniger als bei anderen Rohstoffmärkten quantifizieren. Denn für die Londoner Metallbörse LME, dem wichtigsten Börsenplatz für Industriemetalle, bietet keine Aufsichtsbehörde eine Aufteilung der Marktteilnehmer in kommerzielle und nicht kommerzielle Investoren an wie es die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) für die NYMEX/COMEX bietet.

An der COMEX befanden sich die Netto-Long-Positionen spekulativer Finanzanleger bei Kupfer Mitte April mit knapp 30 Tsd. Kontrakten in der Nähe des Ende Februar verzeichneten Rekordniveaus. Long-Positionen drücken die positive Stimmung von Anlegern aus, d.h. diese setzen auf steigende Preise. Mitte Februar 2009 bestanden an der COMEX bei Kupfer zum Vergleich noch Netto-Short-Positionen in Höhe von fast 22 Tsd. Kontrakten. Zu diesem Zeitpunkt also setzten die spekulativen Anleger verstärkt auf fallende Kupferpreise.

Während die Anleger von Mitte Februar 2009 an in den darauf folgenden elf Monaten immer optimistischer wurden, ist auch der Kupferpreis in die Höhe geschossen. Dieser hat sich im selben Zeitraum von rund USD 3’400 je Tonne auf über USD 7’400 je Tonne mehr als verdoppelt. Der davor zu beobachtende Preisrückgang bei Kupfer von 60% im Zeitraum Juni 2008 bis Februar 2009 ging wiederum mit einem deutlichen Abbau der Netto-Long-Positionen spekulativer Finanzanleger einher.

Der enge Gleichlauf des Kupferpreises und der Marktpositionierung der spekulativen Anleger legt nahe, dass diese einen maßgeblichen Einfluss auf den Kupferpreis ausüben. Eine Indikation für den Einfluss der Finanzinvestoren geben die in den letzten Jahren kräftig gestiegenen Handelsvolumina an der LME. Die Anzahl gehandelter Futures lag im letzten Jahr im Durchschnitt aller Märkte rund 36% höher als 2006. Die Volumina für Kupfer und Aluminium verzeichneten in diesem Zeitraum Zuwächse von 32% bzw. 29%.

Die höchste Steigerungsrate entfällt auf Zinn. Der Futures-Handel mit diesem Metall hat sich in den letzten 3 Jahren mehr als verdoppelt. Allerdings hält ein Marktteilnehmer an der LME bei Zinn zwischen 50% und 79% aller verfügbaren Lagerscheine und kann dadurch den Zinnpreis massiv beeinflussen. Eine Vorstellung über die stark gestiegenen Finanzmittel gibt ebenfalls die Statistik der Zuflüsse in die Anlegerprodukte. Diese bilden häufig einen der großen Rohstoffindizes ab.



Damit ist ein Teil des Mittelaufkommens auch an den Metallmärkten investiert. Finanzinvestoren haben Rohstoffe als Anlageklasse bedingt durch fehlende Anlagealternativen, niedrige Zinsen, den schwachen US-Dollar und den Konjunkturoptimismus (wieder-)entdeckt. In der Vergangenheit wurden Rohstoffe bereits häufig zu Diversifikationszwecken und als Absicherung gegen steigende Inflation eingesetzt. Vor allem das Aufkommen der börsengehandelten Rohstoff-ETFs stieg kräftig an, aber auch die strukturierten Produkte verzeichneten wieder hohe Zuflüsse.

Schätzungen zufolge ist im vergangenen Jahr eine Rekordsumme von USD 60 Mrd. in die Rohstoffmärkte geflossen. Das war fast dreimal so viel wie in den Jahren zuvor. Hinzu kommen Hedge-Fonds, die überwiegend spekulativ investieren. Das stark gestiegene Anlegerinteresse hat die Rohstoffmärkte zunehmend von ihren fundamentalen Rahmendaten abgekoppelt und maßgeblich zur Preisrallye bei den Rohstoffen beigetragen. Die Rohstoffmärkte sind dadurch anfällig für erratische und nicht nachvollziehbare Preisschwankungen geworden.

Die hohen Investmentzuflüsse haben daher zu einem Überschießen der Preise geführt. Dadurch ist das Risiko einer deutlichen Preiskorrektur enorm gewachsen, sollten sich die spekulativen Finanzanleger, die häufig kurzfristig orientiert sind, von den Märkten zurückziehen. Im Zuge der hohen Zuflüsse stieg auch der Verbund zwischen der Risikoneigung der Finanzmarktteilnehmer und der Preisentwicklung: Je höher der Risikoappetit, desto stärker stiegen die Preise. Die Volatilität des Londoner Metall-Index hat in diesem Zusammenhang in den letzten 5 Jahren im Vergleich zu den Jahren davor ebenfalls zugenommen. Gleichzeitig sind die Ausschläge größer geworden.
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Quelle: Gemeinschaftsstudie „Elektrorohstoffe“ von ZVEI & Commerzbank

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